Alles drängt auf mehr Tempo in der Digitalisierung. Auch in der Industrie. Smart Factory heißt hier das Ziel. Wer dabei zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben. Denn die Zukunft wartet nicht. Deshalb schafft die Wista Management GmbH im Wissenschafts- und Technologiepark Berlin Adlershof für die ansässigen 1.200 Unternehmen ein geschlossenes 5G Campusnetz, um Zukunftstechnologien zu erproben.
Bärbel Rechenbach
Wenn früher Berlin-Adlershof ein Synonym für Fernsehfunk war, steht der Standort heute für den modernesten Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiecluster Deutschlands. Er entwickelt sich kometenhaft wie kein anderer. Wenn Deutschland in der Telekommunikationsinfrastruktur und damit intelligenter Datenübertragung noch hinterherhinkt, besteht in Adlershof auf dem gesamten Campus Public W-LAN, LoRaWAN und noch dieses Jahr zudem ein geschütztes 5G-Campusnetz. Bereits Anfang 2021 wurde dafür das 100 Gbit-Glasfasernetz der Versatel als Backbone in Betrieb genommen.

Den entscheidenden Anteil an dem Tempo hat sicher die Wista Management GmbH. Als landeseigener Wirtschaftsförderer, Standortentwickler und Dienstleister Berlins kümmert sie sich um den Technologiepark mit 22.000 Mitarbeiter in 1.200 Unternehmen wie der Photonik, Optik, Photovoltaik, Erneuerbarer Energien, Mikrosysteme und Werkstoffe sowie um 6.500 Studenten. Für sie schafft das Wista-Team Arbeitsbedingungen auf höchstem Niveau. Und das alles auf über vier Quadratkilometern.
Seit 2015 führt hier Roland Sillmann die Geschäfte der Betreibergesellschaft. „Unsere Aufgabe besteht darin, für alle Unternehmen und Einrichtungen im Technologiepark Adlershof so eine intakte Infrastruktur zu schaffen, die sie in die Lage versetzt, an Zukunftstechnologien zu forschen, sie zu testen, anzuwenden und weiterzuentwickeln“, erklärt er. Hochgesteckte Ziele, die herausfordern und einer klugen Führung bedürfen. Als studierter Maschinenbauer und Master of Business Engineering bringt der Freiburger zweifelsohne das Zeug dazu mit. Stolz berichtet er: „Wohl kaum einer glaubte Anfang der 1990er an die Vision vom Sciencepark. 13 Jahre brauchten die ersten Firmen bis zur ersten Milliarde Umsatz, nochmals 13 Jahre bis zur zweiten. Allerdings nur fünf Jahre bis zur 3. Milliarde. Trotz Corona wuchs unser Umsatz um sechs Prozent, also doppelt so schnell wie in China.“

Heute rangiert der Campus Adlershof unter den 15 Global Playern der Welt. Hier wurden unter anderem die Peptide für Biontech entwickelt oder ein Bakterium entdeckt, das zusammen mit einem zweiten Enzym in der Lage ist, den Kunststoff PET in seine Grundbausteine zu zerlegen.
Dieses Know-how kommt nicht von ungefähr. Es verlangt dem Wista-Team wie den Firmen und wissenschaftlichen Einrichtungen vorausschauendes Denken, Planen und Durchstarten ab. Wie im Sport. Genau dort hat es Roland Sillmann trainiert. Ob als Fußballtrainer, Ruderer oder Radfahrer. Er leitete jahrelang die Technik Schüco International KG, im Bereich Solar und die Kollektorprüfstelle am Institut für Solarenergieforschung Hameln/Emmerthal. Ehrgeizig, diszipliniert und fair führt er jetzt sein Team mit Blick in die Zukunft Industrie 4.0. Für die Installation eines eigenen Campusnetzes mit Kommunikationsstandard 5G nahm das Wista-Team sehr viel Geld in die Hand.
Sillmann: „Noch dieses Jahr soll das Ganze in Betrieb gehen und Industrieanlagen revolutionieren.

Über eine virtuelle Simcard und eigene Frequenz verschaffen wir den Unternehmen sicheren und störungsfreien Zugang ins Campusnetz. Hohe Datenraten, stabile Verbindungen und geringe Verzögerungszeiten ermöglichen dann das Entwickeln und Testen hochkarätiger Produkte wie in einem Reallabor mit Echtzeit-Kommunikation.“
Mit bis zu 10 Gbit/s Geschwindigkeit ist der 5G Mobilfunkstandard dabei 100-mal schneller als das bisherige 4G. Etwa eine Million Geräte können mit einer Funkzelle interagieren. Vergleichsweise zu früheren 5.000 Geräten.
Weiterer Innovationsschub
Was vielleicht noch als Utopie anmutet, schafft zeitnah perfekte Möglichkeiten für Start up-Ideen, neue Geschäftsmodelle sowie Industrial Internet of Things-Lösungen, die Mensch und Maschine optimal für eine Smart Factory miteinander vernetzen. Die Erwartungen am Standort an das Potenzial der modernen Mobilfunkkommunikation fünfter Generation sind sehr hoch.
Das geschlossene Campusnetz wird ein exklusives Mobilfunknetz im Kerngebiet des Technologieparks, präzise abgestimmt auf die individuellen Wünsche seiner künftigen Nutzer. Denn die Wista kann dann einzelne Netzteile über Network Slices (Netzwerkarchitektur) so steuern, dass ein Unternehmen für seine Anwendung spezielle Netzparameter erhalten kann.
Es wird dafür sorgen, davon ist Roland Sillmann überzeugt, dass sich innovative Technologien wie Edge Analytics, lokale künstliche Intelligenz oder Augmented Reality, Virtual Reality sicher, verzögerungsfrei und direkt am Ort auf Funktionsfähigkeit und Einsetzbarkeit prüfen lassen.

Fehler in den Testgeräten können frühzeitig behoben werden. Späteres Warten der Anlagen lässt sich ferngesteuert über eine Cloud vereinfachen. Angesichts des demografischen Wandels und fehlenden Facharbeiternachwuchses ein wesentlicher Vorteil des neuen Netzes.
Für Adlershofer Weltmarktführer wie die ASTI Mobile Robotics GmbH könnte es sogar das Nonplusultra bedeuten. Die Firma entwickelt Robotertechnik, von der man erst in fünf Jahren erfährt, dass es sie gibt. Diese Technik funktioniert nur reibungslos mit hohen Datenraten, die drahtlos in Echtzeit verarbeitet werden können. Von solchen Vorteilen könnten auch Unternehmen wie die LTB Lasertechnik Berlin GmbH profitieren. Ihre Kurzpuls-UV-Lasern, hochauflösenden Spektrometern und lasergestützte Messtechnik bestimmen heute schon den Weltmarkt auf diesen Gebieten. Ihnen ermöglicht 5G völlig ein völlig neues Versuchsfeld. „Die neue Konnektivität wird die Geschäftswelt am Standort Adlershof verändern“, ist sich der Wista-Chef sicher und hofft, dass sie auch die großen Unternehmen am Standort überzeugt. Mittelständischen Firmen, die weltweit in der 1. Liga spielen, wird das Campusnetz ebenfalls sehr nützlich sein. So vielleicht beim Einrichten eines globalen Servicenetzes. „Wir wollen, dass der Technologiepark Vorreiter ist, was den Einsatz von 5G betrifft und beweisen, welche Möglichkeiten es damit gibt, Neues auszuprobieren, um den weltweiten Wettbewerb aufzumischen und mitzubestimmen.“
Für die konkrete Umsetzung des Projekts ist im Team Lukas Becker verantwortlich. Dem Ingenieur stehen die renommierten IT-Firmen Logicalis und Siticom zur Seite. Ihnen geht darum, die jeweiligen kundenspezifischen Anpassungen aufzubauen und die Firmen ins Netz zu integrieren. „Ich finde es spannend, solche gravierenden technischen Veränderungen mitzugestalten und gemeinsam mit den Firmen umzusetzen. Sie können künftig unser Netz kostenlos ausprobieren und ihre Ideen hürdenlos einbringen. Dazu stellen wir ihnen neben LoRaWAN, Internet nun auch 5G sowie eine IoT-Plattform bereit, über die sie ganz sicher sensor- beziehungsweise datenbasiert untereinander noch besser kooperieren können. Damit ist der Technologiepark Adlershof auf dem Weg, der bestvernetzte Ort im Radius von 1.000 Kilometer zu sein.“
Parallel zum Netz richtet die Wista einen „Showroom“ ein. In dem können Interessierte eigene smarte Use cases (Szenarien) entwickeln sowie neuartige Anwendungen wie Industrial Edge, autonome Maschinen und Intralogistik oder Augmented-Reality-Applikationen (VR-Brille) für Servicetechniker auf Machbarkeit testen können. Mit so einer perfekt ausgebauten 5G-Angebot setzt die Wista für einem weiteren Innovationsschub im Technologiepark garantiert neue Maßstäbe. Nachmachen bundesweit ist durchaus erwünscht und würde einem smarten Industriestandort Deutschland sehr gut zu Gesicht stehen.
Was ist eine Smart Factory?
„Industrie 4.0“ revolutioniert Technologien mit Fokus auf integrierbare cyber-physische Systeme. Mittels IIoT (Industrial Internet of Things)-Lösungen lässt sich jedes Gerät mit dem Internet verbinden. Gigantische Datenmengen können so in Echtzeit ausgetaucht werden. Für mehrere Produktionsphasen bedeutet das eine enorme Erleichterung.
Ziel des Ganzen ist eine flexible, besser planbare Produktion, bei der viele unterschiedliche Unternehmen digital vernetzt und somit aufeinander abgestimmt sind.
Ganze Produktionsstraßen setzen sich dabei aus Modulen zusammen, was zielgerichtet die Produktivität erhöht und Betriebskosten senkt. Auch Produkte in kleineren Stückzahlen können so preisgünstiger hergestellt werden. Konsument und Produzent kooperieren in einer smart Factory so, dass individuelle Kundenwünsche einfacher und abgestimmter realisierbar sind. Digitale Produkte, die schon beim Kunden im Einsatz sind, können Daten an den Produzenten senden. Auf diese Weise lassen sich Produkte fernbedient warten oder Fehlerquoten beseitigen. Algorithmen optimieren logistische Abläufe, da Maschinen automatisch neuen Materialbedarf signalisieren. Zudem werden alle Prozess- und Produktdaten cloudbasiert gemeinsam erfasst und analysiert, was sowohl die Produktion und vorausschauende Wartung beschleunigt. Produkte können datengestützt über ihren gesamten Lebenszyklus betrachtet werden. Schon von vornherein wird festgelegt, wie die Materialien recycelt werden.
Auf der Plattform „Industrie 4.0“ arbeiten verschiedene Fachexperten zusammen, um die internationale Spitzenposition Deutschlands in der produzierenden Industrie zu sichern und auszubauen.