Polen bleibt der wichtigste Exportmarkt für deutsche Schlösser und Beschläge. Grafik: FVSB/Eurostat
27.08.2018 Branche im Blick erstellt von Holger Koch

Der FVSB-Ländermonitor Polen

In den letzten Jahren hat Polens Wirtschaft mit außerordentlich hohen Wachstumsraten geglänzt. Alle Prognosen halten diesen Aufwärtstrend auch für das laufende und das nächste Jahr für stabil, der nicht nur mit EU-Mitteln am Laufen gehalten wird.

Holger Koch, stellvertretender Geschäftsführer des Fachverbandes Schloss- und Beschlagindustrie, blickt für den schloss+beschlagmarkt zu unseren östlichen Nachbarn.

Im europäischen Vergleich hat die Entwicklung der Wirtschaft Polens in den letzten Jahren regelmäßig Spitzenplätze errungen. 2017 stieg das reale BIP um 4,6 Prozent. Auch wenn die Prognosen für 2018 mit +4,3 Prozent und für 2019 mit +3,7 Prozent leicht darunter liegen, ist nicht wirklich mit einem Dynamikverlust zu rechnen. Angekurbelt wird diese Entwicklung mit EU-Fördermitteln, von denen Polen in der Finanzperiode 2014 bis 2020 insgesamt 82,5 Milliarden Euro zugesprochen wurden. Zur Mitte dieses Zeitraumes waren erst weniger als ein Fünftel der Mittel abgerufen worden, sodass auch mittelfristig noch mit hohen Impulsen zu rechnen ist. Bisher standen meist Infrastrukturprojekte und die Förderung der Wettbewerbskraft der Unternehmen im Vordergrund, Themen wie Innovation sowie Forschung und Entwicklung haben noch Nachholbedarf. Kapazitätsausbau, wovon polnische Fenster- und Türenhersteller in vergangenen Jahren stark profitiert haben, ist nicht mehr primäres Ziel.

Der private Konsum ist eine weitere Stütze der anhaltend positiven Entwicklung. Die Kaufkraft der rund 38 Millionen Polen nimmt aufgrund sinkender Arbeitslosenzahlen und steigender Löhne permanent zu. Davon profitieren nicht nur Hersteller klassischer Konsumartikel, auch die für die Schloss- und Beschlaghersteller wichtige Bau-, Kfz- und Möbelindustrie erleben Zuwächse. Für die investitionsbereiten Unternehmen ist es aufgrund dieser Entwicklung allerdings zunehmend schwerer, ausreichend Facharbeitskräfte zu rekrutieren. Für ausländische Investoren verringern sich zudem die Lohnkostenvorteile, dennoch bleibt Polen für Direktinvestitionen weiterhin sehr attraktiv. Anhaltend niedrige Zinsen sorgen zumindest mittelfristig für günstige Finanzierungskosten, wovon auch die polnische Bauindustrie zusätzlich zu den weiter sprudelnden Fördermitteln profitieren wird. Bremsend könnten sich allerdings die steigenden Baupreise und die bereits jetzt sehr hohe Kapazitätsauslastung in der Bauwirtschaft auswirken.

Bauwirtschaft brummt wieder

Kaum ein Bericht zur aktuellen Bauwirtschaft kommt ohne Verweis auf die Regierungserklärung des Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki aus. Im Dezember 2017 stellte er die Beseitigung des Wohnungsmangels und die Verbesserung der Luftqualität besonders heraus. Ein Blick auf die aktuelle Bausubstanz lässt das Potenzial im Renovierungssektor erahnen. Hauptprofiteure dürften dabei allerdings die Hersteller von Dämmstoffen und Heizungsanlagen sein, wo der Nachholbedarf besonders hoch ist. Auch der Bedarf an Fenstern und Türen ist hoch, die in den letzten Jahren aufgebauten Fertigungskapazitäten sind jedoch auch für den wieder wachsenden einheimischen Markt völlig überdimensioniert. Die Marktchancen für Zulieferer im Schloss- und Beschlagbereich sind somit deutlich besser als für Anbieter kompletter Elemente.

Die polnischen Wohnungsgenehmigungen sind nach den Rückgängen in 2012 und 2013 seit vier Jahren wieder jeweils zweistellig gewachsen. Nach Prognosen von B+L Marktdaten wird auch für dieses und das nächste Jahr noch mit einer Zunahme gerechnet, aber das Maximum mit rund 267 000 Wohnungen ist bereits für 2019 in Sicht. Dabei werden gut 56 Prozent der Wohnungen in Mehrfamilienhäusern errichtet. Ab 2020 wird wieder mit einem leichten Rückgang gerechnet, aber das Niveau ist mit Blick auf die Einwohnerzahlen recht hoch. Mit über fünf Wohnungsfertigstellungen pro 1 000 Einwohner rangiert Polen im europäischen Spitzenfeld. Dies liegt nicht zuletzt am hohen Nachholbedarf, so galten 2015 über 40 Prozent der polnischen Wohnungen als überbelegt, im EU-Schnitt war dies nur bei jeder sechsten Wohnung der Fall. Staatliche Förderungen im Sozialen Wohnungsbau, aber auch die günstigen Finanzierungsmöglichkeiten sorgen für einen anhaltend lebhaften Wohnungsneubau.

Polen ist nicht das einzige Land die Redaktion vom Schloss + Beschlagmarkt untersucht hat. Denn alle zwei Monate untersucht die Redaktion ein anderes Land und zeigt auf wie sich dort der Markt entwickelt.

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Kaufkraft pusht Gewerbebau

Die steigende Kaufkraft der Polen sorgt für eine dynamische Umsatzentwicklung im Einzelhandel. Trotz Sonntagshandelsverbotes weiten die Betreiber von Einkaufszentren ihre Flächen aus. Dies stimuliert zusätzlich zur guten konjunkturellen Entwicklung den steigenden Bedarf an Lager- und Logistikflächen.

Der Staat investiert kräftig in die lange vernachlässigte Infrastruktur. Straßen und Schienenwege stehen ebenso in den Projektlisten wie der Ausbau der Häfen in Danzig, Gdingen und Stettin. Absolutes Großprojekt ist aber der neue Flughafen als Drehkreuz in der Nähe von Warschau, wo nach Baubeginn in 2020 in den darauffolgenden Jahren rund acht Milliarden Euro investiert werden sollen und der nach zwei Bauphasen eine Kapazität von 45 Millionen Passagieren jährlich bieten soll. Schätzungen der Zivilluftfahrtbehörde gehen davon aus, dass sich das Passagieraufkommen in Polen in den nächsten zehn Jahren verdreifachen wird und somit weitere Investitionen auch bei den international weniger relevanten Flughäfen erforderlich macht.

Starke Zuwächse bei den Geschäftsreisenden implizieren auch einen steigenden Bedarf an Hotelkapazitäten in den Wirtschaftszentren, allen voran in Warschau und Krakau. Auch für Bankettsäle und Kongresscenter – vorzugsweise in Flughafennähe – steigt der Bedarf. Die Hoteliers in der Danziger Bucht begründen ihre Kapazitätserweiterungen hingegen mit zunehmendem und anspruchsvoller werdendem Tourismus. Schwerpunkt sind dabei 3- und 4-Sterne-Häuser, bei denen vielfach internationale Hotelketten als Investoren auftreten.

Der Warschauer Stadtteil Wola hat sich durch die Schaffung neuer Büroflächen zur größten Baustelle Polens entwickelt. Es werden weitere Büroflächen geplant, aber der Zuwachs verringert sich. Das Thema Nachhaltigkeit gewinnt in diesem Segment zunehmend an Bedeutung, zahlreiche Projekte werden nach BREEAM zertifiziert.

Die extrem gute Entwicklung der letzten Jahre wurde durch die Fördermittel der EU entscheidend geprägt. Mit dem Ausscheiden des Vereinigten Königreiches aus der EU fällt auch der drittgrößte Nettozahler weg. Polen wird sich als größter Nettoempfänger auf einschneidende Änderungen einrichten müssen. In dem bisherigen Tempo wird sich der Anpassungsprozess aus eigener Kraft sicherlich nicht fortsetzen lassen – auch wenn die Rahmenbedingungen recht günstig erscheinen.

Stabile Exportsteigerungen im Baubeschlag

Seit 2013 konnten nach Angaben von Eurostat die deutschen Schloss- und Beschlagexporte im Baubereich jedes Jahr gesteigert werden, 2016 um fast neun Prozent und 2017 um weitere 2,3 Prozent auf 221,2 Millionen Euro. Die wichtigsten Produktgruppen waren im vergangenen Jahr Fensterbeschläge (118,5 Millionen Euro) vor Schließzylindern (20,3 Millionen Euro), nur knapp gefolgt von Scharnieren und Bändern (20,1 Millionen Euro).

Der Export der Kfz-Zulieferer sank im Jahr 2017 um 12,3 Prozent auf 131,8 Millionen Euro und ist damit das zweite Jahr in Folge rückläufig. Der polnische Absatzmarkt für die Möbelzulieferer war, wenn auch in einem geringeren Maße, mit minus einem Prozent auf 100,7 Millionen Euro ebenfalls unter Vorjahresniveau. Insgesamt wird der Wert der in 2017 nach Polen ausgeführten Schlösser und Beschläge mit rund 484,5 Millionen Euro angegeben (–2,3 Prozent). Polen bleibt somit der wichtigste Exportmarkt für deutsche Schlösser und Beschläge.

Fast die Hälfte der polnischen Schloss- und Beschlagimporte aus der EU stammte 2017 aus Deutschland (46,4 Prozent), das trotz sinkender Importanteile weiterhin unangefochten an erster Stelle der wichtigsten EU-Lieferländer steht. Profitieren konnten Lieferanten aus Österreich (15,8 Prozent) und der Slowakei (neun Prozent). Lieferanten aus Italien und Tschechien konnten – ab-gesehen von leichten Schwankungen – ihre Marktanteile konstant halten.

Als außereuropäisches Lieferland ist China von herausragender Bedeutung. 2017 bezog Polen Schlösser und Beschläge im Wert von rund 205 Millionen Euro von dort, über ein Drittel davon für den Möbelbereich. Aber auch Scharniere und Bänder (30,2 Millionen Euro) sowie Baubeschläge für Türen (22,8 Millionen Euro) und Fenster (9,4 Millionen Euro) waren bedeutende Einzelpositionen.

Aufgrund des guten Investitionsklimas wurden auch von deutschen Unternehmen Produktionskapazitäten in Polen aufgebaut, sodass die Exporte entsprechend geringer ausfallen. Die Bedeutung des polnischen Marktes ist also noch größer als die ohnehin schon hohen Exportzahlen vermuten lassen.

Baumessen mit Tradition

Im Baubereich wird die polnische Messelandschaft jährlich von der Budma in Posen dominiert. Die zweijährlich parallel stattfindende WinDoor-Tech steigert die Attraktivität der Veranstaltung für Schloss- und Beschlaghersteller zusätzlich, was die Messe zum größten Zusammentreffen der Baubranchen-Vertreter Mittel- und Osteuropas macht. Die nächste Budma findet von 12. bis zum 15. Februar 2019 statt.

Die SECUREX – International Security Fair wurde 1990 gegründet und findet alle zwei Jahre ebenfalls in Posen statt. Sämtliche Kennzahlen der Messe entwickelten sich in den letzten Jahren positiv. Für Hersteller von Einbruchmeldeeinrichtungen, Einbruchsicherungen, Alarmanlagen und Brandschutz dürfte sie interessant sein. Rund ein Fünftel der Aussteller kamen 2018 aus dem Ausland, bei den Besuchern war der Anteil an internationalen Gästen allerdings äußerst gering. Die nächste Veranstaltung findet im April 2020 statt.

Die INTERBUD in Lodz gilt als etabliert, erreicht aber weiterhin kaum internationale Bedeutung. Die bisherigen Ausstellerlisten unterstreichen eher den nationalen beziehungsweise regionalen Charakter. 

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