VFF-Tagung: Die Entwicklung des Markts

Die VFF-Tagung "Statistik und Markt", erläutert ihren Mitglieder Markt- und Strukturdaten der Branche und will dadurch unternehmerische Entscheidungen erleichtern. Die wichtigsten Zahlen waren aber die Entwicklungen im Markt.

Zahlen und Statistiken richtig und im korrekten Gesamtzusammenhang zu interpretieren sowie über einen längeren Zeitraum zu betrachten, ist nicht mal eben so nebenbei gemacht. Im Gegenteil, das ist eine tagesfüllende Aufgabe, die nicht neben dem Tagesgeschäft zu bewältigen ist. Dabei ist gerade das Erkennen von Markttrends und Entwicklungen in der Branche enorm wichtig – auch deswegen hat der VFF – Verband Fenster + Fassade einen Ausschuss Statistik und Markt, der die relevanten Marktdaten regelmäßig für die Verbandsmitglieder aufbereitet und in bei der Fachtagung Statik und Markt erläutert. So auch Mitte Oktober im Frankfurt am Main.

Holger Lipp Fotos: Redaktion/jule

Sprecher der Arbeitsgruppe Statistik und Markt ist Holger Lipp von Weru – er machte den Auftakt der Veranstaltung mit aktuellen Zahlen zu der Entwicklung im deutschen Baugewerbe mit Blick auf den Wohn- und auf den Nichtwohnbau im Verhältnis zu der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Demnach geht der Ifo-Geschäftsklimaindex, für den unter anderem Umfragen unter deutscher Unternehmen ausgewertet werden, nach einem Langzeithoch leicht zurück. Lipps Fazit daraus: Die deutsche Wirtschaft zeigt sich stabil, auch wenn die Unsicherheit steigt.

„Helmut Kohl hat mal gesagt: Kräne braucht das Land“, zitiert Lipp, bevor er vom anhaltenden Boom des Baugewerbes spricht. Der Ifo Konjunkturtest zum Bauhauptgewerbe kenne weiterhin nur eine Richtung: nach oben. Das Geschäftsklima und seine Teilkomponenten erreichten neue Rekordniveaus. Die Auftragsbücher sein weiterhin gut gefüllt.
Für die Verbandsmitglieder sind indes vor allem die Zahlen aus dem Wohn- und Nicht-Wohnbau interessant, denen sich Lipp als nächstes widmete. Bei der Entwicklung der Baugenehmigungen für Wohnungen rät der Experte, „2016 und 2017 gemeinschaftlich zu betrachten“. Was er damit meint, ich in dem von ihn gezeigten Grafiken offensichtlich: Während es 2016 überdurchschnittlich hohe Zuwächse von bis zu + 34 Prozent gab, werden für 2017 Absenkungen von bis zu – 15 Prozent ausgewiesen. Die Tendenz für 2018 zeigt grundsätzlich wieder nach oben, allerdings nicht in dem Ausmaß wie 2016.

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Jochen Grönegräs Fotos: Redaktion/jule

Zudem zeigt er einen interessanten Wandel auf, nicht, ohne ihn zu erklären: Der Anteil der Baugenehmigungen für Wohnungen in Mehrfamilienhäusern (inklusive Wohnheime) hat im Jahr 2012 die Anzahl der Baugenehmigungen für Wohnungen in Ein- und Zweifamilienhäusern rapide überholt. Bis 2012 gab es immer wesentlich mehr Genehmigungen für Ein- und Zweifamilienhäuser, seit 2012 ist es genau andersherum. Als einen der Gründe dafür er das Problem, dass die Finanzierbarkeit von Einfamilienhäusern in Arbeitsplatznähe durch Privatleute trotz niedriger Zinsen zunehmend schwieriger geworden ist, auch wenn der Hauskauf im Vergleich zu anderen Ländern in Deutschland noch erschwinglicher sei. Das habe auch Auswirkungen auf die Branche: Mehrfamilienhäuser würden vor allem von gewerblichen Bauherren gebaut, und diese interessierten sich häufig mehr für den Preis als für die Qualität der verbauten Produkte.
Die Statistik hält aber auch positive Nachrichten für die Hersteller von Qualitätsprodukten bereit: Die Umsätze des renovierungsorientierten Ausbaugewerbes haben in den letzten Jahren kontinuierlich zugelegt.


Und noch einen weiteren positiven Ausblick gibt Lipp für die Branche: „Der Bedarf an Wohnungen wird nicht zurückgehen. Viele von denen, die 2015 gekommen sind, werden bleiben“. Das zeige die Geschichte nachvollziehbar am sogenannten Wanderungssaldo, also dem Zuzug und Abzug der Bevölkerung in Deutschland ohne Sterbe- und Geburtenrate. Das Wanderungssaldo zeigt, dass viele, die zum Beispiel in den 70er Jahren als sogenannte Gastarbeiter oder in den 90er Jahren aufgrund der Konflikte in der Balkan-Region gekommen waren, geblieben sind.

Tendenzen des Nichtwohnungsbaus

Bei den Baugenehmigungen des Nicht-Wohnbaus gibt es seit Jahren mehrheitlich positive Entwicklungen – eine Chance für die Hersteller, da dahinter meist „fensterintensive“ Gebäude stecken, wie Büro, Hotels und Ähnliches.
Ein Problem hat allerdings die gesamte, weswegen sich die steigenden Genehmigungszahlen nicht immer direkt in Umsatz für die Hersteller übertragen lassen: Es mangelt an Fachkräften, was zu Planungs- und Montageengpässen führe.

Von einem anderen Problem, das aber bei näherer Betrachtung gar keines sei, berichtete Jochen Grönegräs vom Bundesverband Flachglas: Das „DIN 18008-Schreckgespenst“. Er ging dabei vor allem auf den strittigen Punkt 5.1.5 ein: „Frei und ohne Hilfsmittel zugängliche Vertikalverglasungen sind auf der zugänglichen Seite bis mindestens 0,80 m über Verkehrsfläche mit Glas mit sicherem Bruchverhalten auszuführen.
Von dieser Regelung kann abgewichen werden, wenn eine Risikobeurteilung durchgeführt wurde.“ In der ursprünglichen Entwurfsfassung stand der Satz zur Risikobeurteilung noch nicht. Und es klingt in Grönegräs` Vortrag mit an, dass ihm die neue DIN ohne den Satz zur Risikobeurteilung lieber gewesen wäre – er weist auf verschiedene Schadensfälle hin, bei denen es Tote oder Verletzte durch den Bruch von Schaufensterscheibenglas gab. Er verwehrt sich damit auch gegen die aufgekommenen Vorwürfe, die Glasindustrie wolle mit der neuen Regelung nur Geld verdienen.

Bei der Diskussion um die neue DIN war auch die Frage aufgekommen, ob die Glasindustrie überhaupt ausreichende Mengen in dem geforderten Qualitätsniveau liefern könne. Diesen Zweiflern begegnet er mit Marktzahlen, wie viel Glas bisher produziert und verbaut wurde und kann beruhigen: Ja, es wird mehr Sicherheitsglas gebraucht werden, aber nicht so viel mehr, als dass die Industrie das nicht problemlos schaffen könnte.

Dr. Frederik Lehner Foto: Redaktion/jule

Der Markt für Vorhangfassaden

Mit Berechnungen beeindruckte auch Dr. Frederik Lehner von Interconnection Consulting. Sein Vortrag widmete sich dem komplexen Thema „Der Markt für Vorhangfassaden in Deutschland. Methoden – Status Quo – Ausblick“. Wie viele Vorhangfassaden in Deutschland gefertigt und bei Neubau und Renovierung verbaut werden – das ist eine Statistik, die es so eigentlich nicht gibt. Das bedingt eine Berechnungsmethodik mit unzählbar vielen Faktoren – die Experten von Interconnection Consulting hatten sich an dieser Herausforderung gestellt und können relativ zuverlässig Auskünfte über den Vorhangfassadenmarkt und seine (zukünftige) Entwicklung geben. Sein Fazit: Der Aufschwung des europäischen Bausektors ist deutlich spürbar in der Fassadenbranche, die D/A/CH Region und Frankreich treiben die Marktentwicklung in Europa voran. Der Markt wachse kontinuierlich seit einigen Jahren und das Marktwachstum für Vorhangfassaden pendle sich voraussichtlich bei jährlich 4,2 Prozent ein. Es gebe ein überproportionales Marktwachstum für Vorhangfassaden im Vergleich zur allgemeinen Objektbauaktivität, wobei Neubau zwei Drittel des Marktes ausmache. Der Neubau werde auch in den nächsten Jahren die treibende Kraft sein. Dem Markt zugute kommt die zunehmende Popularität von Glas als Fassadenelement nicht nur bei Prestigeobjekten und der Trend zur Nutzung von natürlichem Licht in Büroräumen, Schulen und so weiter. Zusätzliches Marktpotential ergibt sich aus seiner Sicht aus Smart-Glass Lösungen sowie alternativer Beschattungselemente, welche auch verstärkt aus Designgründen eingesetzt werden. Und eines ist für ihn nach der Erhebung klar: „Architekten würden Vorhangfassaden kaufen“.

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Dr. Christian Kaiser Foto: Redaktion/jule

Den Abschluss in Frankfurt bildete Dr. Christian Kaiser von Heinze mit aktuellen Zahlen zum deutschen Fenster- und Außentürenmarkt. Sein abschließendes Ergebnis nach Analyse der Marktdaten: Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für den Fenster- und Außentürenmarkt sind nach wie vor sehr gut, der Fenstermarkt wächst 2018 gegenüber 2017 um knapp zwei Prozent. Auch für 2019 wird mit einem leichten Plus gerechnet. Auch der Außentürenmarkt wächst in diesem Jahr, um 1,3 Prozent, im kommenden Jahr um 1,8 Prozent. Der Neubau entwickelt sich in beiden Produktbereichen besser als der Modernisierungsmarkt. Im Wohnungsbau kommt es nach der Analyse von Heinze in 2018 zu einem leichten Zuwachs von einem Prozent, in 2019 wird der Markt mehr als zwei Prozent wachsen. Der Nichtwohnbau wächst in diesem Jahr um rund drei Prozent, wird im kommenden Jahr aber stagnieren oder sogar leicht zurückgehen.

Und auch er gibt einen Ausblick, der die Branche positiv stimmen könnte: „Momentan gehen die knappen Kapazitäten in den Neubau und es gibt einen Bauüberhang, genehmigte Bauprojekte werden nach hinten geschoben. Dieser Kapazitätenmangel und der auch daraus resultierende Renovierungsstau schafft Entspannung für die kommenden Jahre.“