Die wachsende Bevölkerungszahl stellt die ägyptische Regierung vor große städteplanerische Heraus-forderungen: In 20 neuen Städten sollen zukünftig 30 Millionen Menschen ein Zuhause finden. Foto: Free-Photos/Pixabay

Der FVSB-Ländermonitor zu Ägypten

Das Wirtschaftswachstum kann derzeit das Bevölkerungswachstum übertreffen, stellt Ägyptens Stadtplaner und Bauindustrie aber vor große Herausforderungen. Holger Koch, stellvertretender Geschäftsführer des Fachverbandes Schloss- und Beschlagindustrie, blickt für fenster-türen-technik in den Nord-Osten Afrikas.

Die ägyptische Wirtschaft befindet sich seit Jahren in einem stabilen Aufwärtstrend. Nach einem BIP-Wachstum in Höhe von 4,2 Prozent in 2017 wird sich die reale Wirtschaftsleistung im laufenden Jahr nach Regierungsangaben mit plus 5,3 Prozent erneut deutlich erhöhen und somit weiter an Fahrt gewinnen. Dem Energiesektor, der Bauwirtschaft und dem Suezkanal werden hierbei große Anteile zugesprochen.

Kritisch wird hingegen die Staatsverschuldung von Ägypten gesehen, die nach IMF-Angaben 2017 bereits bei 103,3 Prozent des BIP gelegen hat und weiter steigen wird: Der letzte Haushaltsüberschuss wurde 2000 erwirtschaftet. Der geplante Subventionsabbau dürfte große Teile der rund 97 Millionen Einwohner belasten, die bereits stark unter der hohen Inflation infolge der Währungsfreigabe zu leiden hatten.

Unternehmen haben sich in der Vergangenheit mit Investitionen zurückgehalten und erwarten im nächsten Jahr eine Senkung der Leitzinsen. Die Chancen dazu stehen nicht schlecht: Die Inflationsrate betrug 2017 noch 23,5 Prozent, konnte nach Aussagen der Landeszentralbank bis zum Ende des 3. Quartals aber auf 16 Prozent gesenkt werden.

Aufgrund seiner geographischen Lage kommt Ägypten eine Drehscheibenfunktion zwischen Europa, Afrika und Mittlerem Osten zu. Die großen Rohstoffverkommen, der wachsende Binnenmarkt und das Arbeitskräftepotenzial werden sich positiv auf die weitere wirtschaftliche Entwicklung auswirken. Das vergleichsweise hohe Bevölkerungswachstum in Höhe von rund 2,5 Prozent stellt die Bauindustrie im Wohnbau, aber auch bei der Infrastruktur, vor anspruchsvolle Aufgaben.

Gute Rahmenbedingungen für ägyptische Bauwirtschaft

Der wachsende Bedarf an Wohnraum in Ägypten, die vom gefallenen ägyptischen Pfund profitierende Hotel- und Tourismusbranche, die dank Zinssenkungen reduzierten Investitionshemmnisse und der hohe Nachholbedarf seitens der Infrastruktur sorgen für gute Rahmenbedingungen für die Bauindustrie und deren Zulieferer. Die Hauptstadt Kairo mit knapp zehn Millionen und Gizeh mit fast neun Millionen Einwohnern liegen meist im Fokus internationaler Beobachter. Dabei sollte jedoch nicht übersehen werden, dass in acht weiteren Städten jeweils mehr als fünf Millionen Menschen leben. Die wachsende Bevölkerungszahl stellt die ägyptische Regierung vor große städteplanerische Herausforderungen: In 20 neuen Städten sollen zukünftig 30 Millionen Menschen ein Zuhause finden.

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Trotz der Halbierung der Inflation bleibt die eigene Immobilie eine beliebte Form der Absicherung und treibt weiterhin die Investitionen in Eigenheime und Wohnungen. Deren Bedarf ist hoch, in Schätzungen wird regelmäßig von landesweit mehr als einer halben Million fehlenden Wohnungen gesprochen. Obwohl gerade günstige und mittelpreisige Wohnungen sehr gefragt sind, konzentrieren sich Projektentwickler jedoch gern auf das margenträchtige Hochpreissegment. Man schätzt, dass fast jeder vierte Einwohner Ägyptens im erweiterten Großraum Kairo lebt. Insbesondere die Mitglieder der Oberschicht ziehen gerne in die neuen Städte außerhalb der Metropolen.

Der Bau einer neuen Hauptstadt wurde im Frühjahr 2015 verkündet, die Kosten wurden dabei auf über vierzig Milliarden US-Dollar projektiert. Anfänglich herrschte angesichts dieser schieren Größe enorme Skepsis, doch große Baufortschritte deuten auf die tatsächliche Realisierung hin. Mitte nächsten Jahres sollen erste Ministerien verlegt werden. Neben dem Regierungsviertel stehen zahlreiche neue Wohngebiete nebst erforderlicher Infrastruktur auf dem Plan. Beim Bau von Schulen, Büros, Hotels, Shopping-Malls, Bahnhöfen oder Flughäfen kommen häufig chinesische Bauunternehmen zum Zuge.

Unsere Industrie konnte im Jahr 2017 Produkte im Wert von 3,4 Millionen Euro in Ägypten absetzen, was gerade einmal für Rang 60 unter den deutschen Exportländern reicht. Damit ist der nordafrikanische Staat als Absatzmarkt mit Ländern wie Kuwait oder Tunes

Die Verlagerung von Behörden und Unternehmen und der damit verbundene Verlust von Arbeitsplätzen und Kaufkraft werden für Kairo nicht als große Gefahr gesehen, eher als Entlastung für eine an ihre Wachstumsgrenzen stoßende Megacity.

Amtliche Quellen berichteten 2017 über den Bau von rund 276 000 Wohneinheiten für knapp vier Milliarden Euro. Die Baukosten von rund 14 100 Euro pro Wohneinheit liegen aber weit entfernt von deutschen Verhältnissen, selbst wenn man die Kaufkraft der Bevölkerung entsprechend berücksichtigt. Trotzdem gehen Schätzungen davon aus, dass über zehn Millionen Ägypter sich eine solche Bleibe nicht leisten können. Ihnen bleibt nur der Ausweg für ein Leben in „informellen Wohnbauten“, das heißt vielfach ein Leben in illegal errichteten Siedlungen mit unzureichender Infrastruktur.

Bauherren von Gewerbeimmobilien sehen sich den gleichen Problemen gegenübergestellt: Die Expansionsmöglichkeiten sind in den bestehenden Städten recht begrenzt, was den Trend zu komplett neuen Siedlungen weiter verstärkt. Die von der ägyptischen Regierung forcierte Industrialisierung des Landes wird die Bedeutung der Wirtschaftszone am Suezkanal stärken. Ganze Regionen werden dabei von ausländischen Investorengruppen erschlossen, insbesondere aus China und Russland.

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Die Tourismusindustrie hat sich im letzten und im laufenden Jahr von ihrer Krise wieder erholt und wurde wieder ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor. Neben den internationalen Besuchern der Kulturstätten sowie den Tauch- und Badetouristen am Roten Meer entwickelt sie die Mittelmeerküste für den Inlandstourismus ebenfalls hervorragend, was zahlreiche Hotelbauprojekte belegen, sich aber auch auf Museumsbauten und die Erweiterung von Flughäfen auswirkt. Aufgrund des Preisgefüges dürften Schlösser und Beschläge „Made in Germany“ fast ausschließlich im Nichtwohnbaubereich zum Einsatz kommen.

Überschaubarer Außenhandel

Abgesehen von Südafrika spielen die Staaten Afrikas für die deutschen Schloss- und Beschlaghersteller eine recht untergeordnete Rolle. In lediglich vier weiteren der bei Eurostat erfassten Länder überschreiten die Exporte die Millionenschwelle: Marokko, Ägypten, Tunesien und Nigeria. Unsere Industrie konnte im Jahr 2017 Produkte im Wert von 3,4 Millionen Euro in Ägypten absetzen, was gerade einmal für Rang 60 unter den deutschen Exportländern reicht. Damit ist Ägypten als Absatzmarkt mit Ländern wie Kuwait oder Tunesien vergleichbar. Rund ein Drittel der Schloss- und Beschlagexporte sind für die Verwendung in Gebäuden bestimmt, jeweils etwas mehr als ein Viertel finden Verwendung in der ägyptischen Möbel- beziehungsweise Automobilindustrie. Hier liegt der Verdacht nahe, dass die wenigen gelieferten Schlösser und Beschläge größtenteils als Ersatzteile bestimmt sind.

Nach Angaben von Eurostat lagen die deutschen Schloss- und Beschlagexporte im Baubereich 2017 mit rund 1,1 Millionen Euro gut 16 Prozent unter dem Vorjahreswert. Die großen Veränderungsraten sollten bei diesen vergleichsweise geringen Handelsvolumina jedoch nicht erschrecken, in diesen Größenordnungen können einzelne Bauprojekte schon zu signifikanten Ausschlägen führen. Die wichtigsten Produktgruppen im Baubereich waren im vergangenen Jahr Bänder, Schließzylinder und Fensterbeschläge.

Weniger als ein Fünftel der ägyptischen Schloss- und Beschlagimporte aus der EU stammte 2017 aus Deutschland (17,5 Prozent), der Marktanteil blieb dabei vergleichsweise konstant. Italien ist mit einem Marktanteil in Höhe von 46 Prozent seit Jahren das wichtigste Lieferland aus der EU, musste in den vergangenen Jahren aber Verluste hinnehmen. Nennenswerte Anteilsgewinne konnten in den letzten Jahren lediglich Lieferanten aus Österreich verzeichnen.

Insgesamt importierte Ägypten nach Comtrade-Angaben der UN im Jahr 2017 Schlösser und Beschläge für 84,9 Millionen US-Dollar. Als außereuropäisches Lieferland ist China mit Lieferungen in Höhe von 44,6 Millionen US-Dollar unangefochten auf dem ersten Platz, türkische Lieferanten belegen mit zehn Millionen US-Dollar zwischen Italien und Deutschland den dritten Rang.

Der AUMA-Messekalender listet derzeit zwei internationale Messen für den Baubereich in Kairo aus: Die „The Big 5 Construct Egypt – Int. Building & Construction Show“ findet wieder vom 2. bis 4. September 2019 statt und wird erneut im Auslandsmesseprogramm des Bundes gelistet. Auf dem ersten deutschen Gemeinschaftsstand stellten 2018 acht Unternehmen aus. Insgesamt konnten 200 Aussteller, davon 105 aus dem Ausland, rund 11 300 Fachbesucher begrüßen. Die Veranstaltung findet im nächsten Jahr zum dritten Mal statt.

Die „Egypt Projects“ wurde bisher unter dem Namen „Batimat Egypt“ vermarktet und findet Mitte März 2019 erneut statt. In diesem Jahr stellten 431 Unternehmen aus, rund 20 000 Besucher fanden den Weg in die Messehallen. Trotz der höheren Besucherzahl scheint diese Veranstaltung weniger international ausgerichtet zu sein. Die „großen“ Baumessen in Istanbul und Dubai sind wohl auch von Kairo aus gut zu erreichen. 

Holger Koch, stellvertretender Geschäftsführer im Fachverband Schloss- und Beschlagindustrie in Velbert. E-Mail: koch@fvsb.de