Heinz Nückel, Jahrgang 1926, Abteilungsleiter Baubeschläge und Prokurist, arbeitete 32 Jahre lang für Borgmann Baupart. Foto: Borgmann Baupart

„Immer im Guten“

Er war ein Neuzugang wie viele Jahrzehnte später Raúl bei Schalke 04: ein guter Mann, abgeworben von einem größeren, erfolgreicheren Unternehmen, der in neuer Umgebung großartig einschlug und seine Umgebung begeisterte. 53 Jahre bevor der spanische Fußballstar von Real Madrid ins Ruhrgebiet wechselte, kam 1957 ein kaufmännischer Angestellter aus dem Sauerland nach Bottrop. 32 Jahre hat er anschließend bei der Firma Borgmann und später Borgmann Baupart gearbeitet: Heinz Nückel.

Führungskraft vom alten Schlag

Ein typischer Rothaariger war und ist der energische Mann: im Alltag emotional und manchmal aufbrausend, gute Laune verbreitend und eine Führungskraft vom alten Schlag. Geboren in Bad Fredeburg, machte Nückel seine Lehre in Medebach, sammelte auch Erfahrungen in Unna, ehe er zu Heller & Köster in Olpe kam. Stellvertretender Abteilungsleiter war er in jungen Jahren dort schon, doch auf einen weiteren Aufstieg im Unternehmen sah er keine Chance. Über einen Handelsvertreter meldete er sich bei der Bottroper Firma Borgmann und vereinbarte einen Termin mit dem damaligen Junior Hans Günter. Eine Stunde habe das Gespräch gedauert und zu einem unverhofft positiven Ausgang geführt. „Ich habe ein tolles Gehalt bekommen“, erinnert sich Nückel gern – 600 statt vorher 450 D-Mark, „und alle 14 Tage am Wochenende ein Auto, um ins Sauerland fahren zu können“. Dort lebten die Ehefrau und der kleine Sohn Klaus, der heute selbst seit vielen Jahren ebenfalls dem Unternehmen angehört und als Mitarbeiter im  Außendienst am Standort Essen tätig ist.

„Die erste spektakuläre Personaleinstellung“

In den 50er Jahren pendelte der neue Borgmann-Mitarbeiter Heinz Nückel zunächst zwischen der landschaftlich reizvollen Heimat und dem Arbeitsplatz in der damals noch reichlich grauen Bergbaustadt. Nach einem Jahr fand er für seine Familie eine Wohnung in Bottrop, wo sich die berufliche Karriere inzwischen gut entwickelte.

„Nückel war die erste spektakuläre Personaleinstellung, die mein Vater vornahm“, urteilt Jan Gerd Borgmann. Dessen alter Arbeitgeber, Heller & Köster, habe mit 180 Beschäftigten und richtigen Großhandelsabteilungen damals nämlich – so Borgmann – „in einer anderen Liga als der biedere Betrieb der Gebrüder Borgmann“ gespielt. Heute gibt es den Olper Betrieb in der früheren Art nicht mehr. Heinz Nückel war in Bottrop für Baubeschläge zuständig und operierte als wichtigster Vertriebs-Mitarbeiter des Chefs überwiegend vom Büro aus. Nur wenige große Kunden besuchte er selbst. „Gleich am Anfang habe ich Glück gehabt“, erzählt er. „Da habe ich im Omnibus einen großen Abnehmer meiner früheren Firma aus Olpe getroffen. Wir kamen ins Gespräch und ich konnte ihn dazu bewegen, jetzt zu uns zu kommen.“ Eine ¾ Million D-Mark zusätzlichen Umsatz bedeutete das, die Geschäfte liefen also prima.

„Plötzlich saß ich mit vier Chefs an einem Tisch

Eine große Umstellung gegenüber dem alten Job aber wurde Nückel im Geschäft am Bottroper Altmarkt abverlangt: „Plötzlich saß ich mit vier Chefs

an einem Tisch und musste die Kalkulation vortragen, das war ganz schön aufregend.“ Es existierte damals nur ein Büro im Erdgeschoss, am großen Tisch fanden die Senioren Gerd und Albert, deren Söhne Hans Günter und Erich und noch die Schreibkraft Frau Jäger Platz. Zwei Jahre ging das so eng zu; 1959 dann wurde der Laden umgestaltet. Wegen Bergschäden gab es eine neue Vorderfront, alle Schaufenster wurden ausgetauscht, eine erhöhte Kommandobrücke entstand im Lager und daneben auch ein zweites Büro für die Führungskräfte.

Nückel ist ein vitaler Mann, auch noch mit 86. Man kann sich gut vorstellen, wie er einst Schwung in das Bottroper Geschäft gebracht hat. Der gelernte Einzelhandelskaufmann und Buchhalter Sczech seien schließlich „die einzigen Ausländer“ gewesen – sprich: nicht aus Bottrop. Beide waren über Jahrzehnte die wichtigsten Stützen von Hans Günter Borgmann und erhielten Prokura.

„Ein erhabener Mann mit großer Autorität“

Auch Nückels Frau Irmgard gehört irgendwie zur Firma, findet auch der jetzige Chef Jan Gerd Borgmann. Oft war sie im Betrieb, wenn mal wieder eine Feier anstand oder genau wie auch Hans Günter Borgmanns Frau Ursula beim regelmäßigen Großputz, bei Renovierungen und zur Verköstigung der Mitarbeiter bei den Inventuren. „Das war manchmal schon lustig“, sagt  Irmgard Nückel und erinnert sich auch sonst sehr gut. Auch sie hat ja die beiden Firmengründer noch kennengelernt. Gerhard Borgmann hat sie als „sehr strengen“ Patriarchen in Erinnerung: „Ein erhabener Mann mit großer Autorität“. In Albert Borgmann sieht Heinz Nückel den „Vater der Kompanie, dem man alles – auch Persönliches – erzählen konnte“. Deshalb hätten ihn alle, wenn er nicht in der Nähe war, „Onkel Albert“ genannt. Immer freundlich zu den Angestellten, bei der Lohnzahlung am Ersten des Monates stets bei jedem auch um ein privates Gespräch bemüht. Nach der Auszahlung in bar wies er gerne auf den Lieferschein, den die meisten Angestellten und Arbeiter für während des Monats gemachte Einkäufe beim Arbeitgeber hatten, hin: „Wollen Sie da nicht ein wenig anzahlen?“

„Jetzt steht er auf der Kommandobrücke“

Und wenn ein Mitarbeiter keinen Lieferschein hatte, mahnte „Onkel“ Albert meist an, dass derjenige doch gefälligst ein paar Dinge im Laden einkaufen solle – Umsatzsteigerung selbst beim Auszahlen. „Er hat das immer auf eine feine Art gemacht“, erklärt Heinz Nückel. Die Barauszahlung war durchaus flexibel damals. Ein Kollege z.B. wurde von seiner Frau sehr kurz gehalten und musste alle Geldscheine zu Hause abgeben. Zur Verbesserung seiner Liquidität wurde ihm dann einfach ein größerer Teil des Lohns in Hartgeld ausgehändigt. Die beste Geschichte über Gerd ist weniger charmant. Heinz Nückel weiß noch, dass der „schöne Lodenmantel“ des Chefs immer neben der Kommandobrücke hing. Gerne nahm sich Gerd Borgmann den Mantel und verließ demonstrativ den Laden. „Dann ist er durch die Böckenhoffstraße um den Block herumgegangen und zum Hintereingang bei den Baubeschlägen wieder rein“, so Nückel. Von dort kontrollierte er, ob jeder seiner Angestellten auch fleißig war. Selbst nach fünfzig Jahren hat er das Bild noch immer vor Augen: „Jetzt steht er auf der Kommandobrücke.“

Der nächste Geschäftsführer am Altmarkt war gleichfalls streng, aber doch auch großzügig: Hans Günter Borgmann, der seinen Vater 1964 in der Chefposition ablöste. „Knallhart, aber gerecht“, erinnert sich Heinz Nückel. „Hart gerungen“ habe man, „da ging nicht alles immer gerade.“ Doch eben dadurch kam das Unternehmen voran. Hans Günter und Erich teilten das Geschäft, der neue Großhandel fand im Januar 1967 seine Heimat in Grafenwald (siehe vorne im Kapitel zur Firmengeschichte). Dort bezogen die Nückels eine der beiden Firmenwohnungen. Günstig für die Angestellten, aber auch für den Betrieb von Vorteil: So war das Firmengelände an sieben Tagen der Woche mehr oder weniger bewacht.

„Hart, aber fair“

Manche Mythen ranken sich auch um die Gehaltsgespräche, die für leitende Angestellte alle zwei Jahre im Juli anstanden. Das sahen deren Verträge so vor, wenn sich nicht aus dem Tarifvertrag hohe Lohnsteigerungen von mehr als zwanzig Prozent ergaben. Als die Mitarbeiter einmal für März ein Gespräch anberaumten, war das nach einer Minute zu Ende – mit Hinweis des Chefs, dass es bis Juli noch vier Monate seien. Die Diskussionen seien hart, aber fair gewesen und endeten nicht selten etwa so: „Was müssen Sie mehr haben?“, erkundigte sich Hans Günter Borgmann. „350 Mark“ lautete die Antwort. Der Chef dann: „Sie haben drei Kinder und müssen für die Wohnung auch noch Miete an mich zahlen. Sind Sie mit 500 einverstanden?“

Diskussionen zogen sich öfter auch mal in die Länge, denn beide – Nückel und Borgmann – debattierten wohl sehr gern. Um einen Weihnachtszuschlag für Familien mit Kindern ging es einmal zunächst auf einer Autofahrt von Siegen bis nach Grafenwald. Aber damit nicht genug, im Hof des Betriebs wurde weiter verhandelt, erst nach fast zwei Stunden stand das Ergebnis schließlich fest. Die Kontroversen hatten einen hohen Stellenwert, sagt Nückel: „Wir haben uns oft gestritten, aber immer im Guten.“

Auf Lohnerhöhungen verzichtet

In einem Jahr übernahm die Firma doppelt so viele Lehrlinge wie sonst, auch weil der Chef in der Industrie- und Handelskammer in Münster als Lehrlingswart wirkte. Das hätten damals alle Mitarbeiter mitfinanziert, für zwei Jahre auf Lohnerhöhungen verzichtet. Bezüglich der Arbeitszeit ließ Hans Günter Borgmann nie mit sich spaßen. Klagte Nückel über Mehrarbeit an Abenden und Wochenenden, bekam er regelmäßig Bescheid: „Das interessiert mich nicht. Sie können auch im Vöingholz spazieren gehen. Hauptsache, die Arbeit ist erledigt.“ Auch die Geschäftsfeldbesprechungen mit den Ableitungsleitern und einem Außendienstmitarbeiter fanden immer nach Geschäftsschluss statt.

Ein wunderbarer Geschichtenerzähler

Andererseits kümmerte sich Hans Günter Borgmann teilweise ganz besonders um manche Mitarbeiter. Helmut Kutscha, auf einem Auge blind wegen einer Verwundung im Krieg, war ein guter Außerdienstmann mit großen Verkaufserfolgen, ein wunderbarer Geschichtenerzähler außerdem. Nebenbei war Kutscha Musiker und trat am Wochenende in Gaststätten auf. Allerdings hatte er auch ein Alkoholproblem, so dass Nückel ihn „ab und zu aus dem Bett rausgeholt hat“. Irgendwann ging Kutscha wegen eines Entzugs in eine Klinik. Borgmann garantierte ihm die Stelle und berief nach der Rückkehr des Außendienstlers eine Betriebsversammlung ein. Vor sechzig Leuten entschuldigte sich Kutscha für sein Fehlverhalten der letzten Jahre und dann ergriff der Chef das Wort. Hans Günter Borgmann warnte vor der Gefahr des Rückfalls und kündigte an, denjenigen fristlos zu entlassen, der den Alkoholkranken „in Versuchung führe“. So arbeitete Helmut Kutscha noch bis zu seiner Pensionierung in Grafenwald.

Schnaps und diverse Werkzeuge 

Eine weitere Anekdote mit Alkohol hat Heinz Nückel auch noch parat. Gelegentlich fand trotz des strikten Verbots eine Flasche Schnaps den Weg in den Betrieb, in der Regel, weil ein Vertreter sie dagelassen hatte. Hin und wieder gab es dann einen „Kurzen“ zum Feierabend. Das wäre auch alles ganz unauffällig so weitergegangen, wäre Borgmann nicht selbst bei seinen Sonderschichten am Wochenende, die er manchmal mit den Leitenden Angestellten einlegte, so aufmerksam gewesen. Heinz Nückel kann sich eine Situation noch heute nicht wirklich erklären: „Es war nicht zu glauben. Da fand er eines Sonntags eine Flasche in der 18. Reihe im obersten Regal.“ Der Karton, in dem sich der Alkohol befand, war mit der Aufschrift „diverse Werkzeuge“ versehen.

An viele fröhliche Feiern erinnern sich Frau und Herr Nückel gerne, z.B. „50 Jahre Borgmann“ im Forsthaus Specht. Tango wurde getanzt, alte Fotos zeigen neckische Hüte, und an einer Litfaßsäule im Lokal steht: „Rauchen nur mit Feuerlöscher gestattet“.

Altweiberfastnacht wurde abgeschafft

In der Firma übrigens war Rauchen nur im Keller erlaubt. Auch dort ging es gelegentlich gesellig zu, ein Altweiberdonnerstag im Karneval allerdings führte zu Verwicklungen. Heinz Nückel ist ein „nagelneuer Schlips“ des Vorgesetzten im Gedächtnis geblieben, passend zum Anzug, denn Hans Günter Borgmann hatte an diesem Tag noch einen wichtigen Termin in Köln. Aber wie das so ist an Altweiber, die Krawatte musste dran glauben und wurde ihm abgeschnitten. „War der sauer“, weiß Nückel noch heute. Borgmann musste zum Umziehen nach Hause, kam in Zeitnot wegen des Termins und zog harte Konsequenzen: Altweiberfeiern war in der Firma damit abgeschafft. Allerdings hatte diese Regel nur wenige Jahre Bestand.

Für Jan Gerd Borgmann ist es immer noch eine besondere Beziehung, denn während die Väter am Wochenende arbeiteten, begegneten sich auf dem Betriebsgelände auch die Söhne. Mit Klaus Nückel tobte der heutige Geschäftsführer durch die ganze Firma. Rennen mit den Handwagen im Lager waren ebenso beliebt wie anderer Schabernack. „Was die angestellt haben, haben wir gar nicht immer mitgekriegt“, muss Heinz Nückel eingestehen. Schließlich galt seine Konzentration der Arbeit.

Dass er sich so gern an diese Zeit erinnert, belegt wohl am besten der Vergleich mit Raúl Gonzáles Blanco. Der spanische Fußballheld zog nach weniger als zwei Jahren auf Schalke weiter nach Doha in die Hauptstadt des Emirates Katar und wird vermutlich nie wieder nach Gelsenkirchen zurückkehren. Heinz Nückel blieb von 1957 bis 1989 ganze 32 Jahre lang bei Borgmann und lebt jetzt mit der Familie seiner Tochter Ulla nur einige hundert Meter von der Baupart-Zentrale entfernt.