So schön der Blick aus der Internationalen Raumstation auf Italien ist, innerhalb der EU zählt das Land zu den Sorgenkindern. Foto: skeeze/Pixabay

Italien: An der Nulllinie

Mit Stillstand wird die Situation in Italien derzeit am häufigsten beschrieben. Holger Koch, stellvertretender Geschäftsführer des Fachverbandes Schloss- und Beschlagindustrie (FVSB), hat sich den Schloss + Beschlagmarkt in Italien deshalb angeschaut.

Obwohl Italiens Wirtschaft im Gesamtjahr 2018 noch um 0,9 Prozent zulegen konnte, sprachen viele Beobachter zum Jahreswechsel von einer Rezession. Im 3. und 4. Quartal waren Rückgänge zu verzeichnen und damit das geläufige Rezessionskriterium erfüllt. Auch die Prognosen für 2019 in Höhe von + 0,1 Prozent lassen bei den derzeitigen Rahmenbedingungen nur wenig Hoffnung aufkommen für die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone mit einem Bruttoinlandsprodukt von rund 1,8 Billionen Euro und 61 Millionen Einwohnern.

Derzeit fehlt allen Beobachtern die Fantasie, welche Sektoren Impulse zu einem Wirtschaftswachstum geben könnten. Die privaten Haushalte reduzieren ihre Ausgaben und sparen vermehrt. Die Industrie stellt Investitionen, die in den vergangenen Jahren vergleichsweise hoch ausgefallen sind, zurück. Der Export schwächelt ebenfalls, weil viele wichtige Handelspartner ihre eigenen Konjunkturprognosen nach unten revidieren mussten. Von öffentlicher Seite ist der Spielraum aufgrund der hohen Staatsverschuldung recht eingeschränkt, dennoch sollen Investitionen in Bildung und Infrastruktur helfen, wieder auf den Wachstumspfad zu gelangen. Für 2020 gehen Prognosen von einem BIP-Wachstum in Höhe von 0,7 Prozent aus.

Energiepreise stimulieren Sanierung

Italiens Bauindustrie konnte in den vergangenen Jahren trotz einer ausgesprochen schwachen Baukonjunktur von vielfältigen Fördermaßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz in Gebäuden profitieren. Marktbeobachter sehen in den hohen Energiepreisen eine höhere Motivation als durch gestiegenes Umweltbewusstsein. Der sehr alte Baubestand in Italien sorgt für ein hohes Potenzial für Energieeinsparungen. Im Wohnbau herrscht diesbezüglich Nachholbedarf.

Auch im Neubau scheint die Bauindustrie die Talsohle nach zehn Jahren Niedergang durchschritten zu haben. Die gute Entwicklung der Baugenehmigungen ließ den Nationalen Verband der Baufirmen (ANCE) steigende Bauinvestitionen sowie die Experten von Euroconstruct wieder Zunahmen bei den Wohnungsfertigstellungen verkünden. Die Zahl der fertiggestellten Wohneinheiten soll im Fünf-Jahres-Zeitraum 2017 bis 2021 von 80 600 auf 91 500 Einheiten steigen. Angesichts der rund 300 000 fertiggestellten Neubauwohnungen im Jahr 2007 ist diese Steigerung immer noch dürftig. Momentan belegt Italien bei Berücksichtigung der Bevölkerungszahl den vorletzten Platz in Europa, hinter Spanien und vor dem Schlusslicht Portugal.

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Während der EU-Anteil der aus Deutschland bezogenen Schlösser und Beschläge von 46,5 Prozent in 2009 auf 33,4 Prozent in 2018 gesunken ist, stieg der Anteil der Einfuhren aus Polen von 1,6 Prozent auf 12,8 Prozent. Grafik: FVSB

Aufgrund seiner geografischen Lage wird Italien für strategische Investitionen aus China interessant. Im Rahmen der Belt and Road-Initiative haben beide Länder eine Absichtserklärung unterzeichnet, die die Modernisierung der Häfen in Triest und Genua sowie weitere Projekte vorsieht. Internationale Investoren sind in Italien politische Krisen gewöhnt, und konjunkturelle Dellen schmälern die Attraktivität nicht wesentlich oder dauerhaft, sodass auch weiterhin rund 20 Milliarden Euro an jährlichen Direktinvestitionen nach Italien fließen dürften. Dabei werden seitens der Regierung zahlreiche Fördermaßnahmen, wie zum Beispiel Zinszuschüsse, höhere Abschreibungsmöglichkeiten oder vereinfachte Genehmigungsverfahren, in Aussicht gestellt. Generell gilt der italienische Markt als attraktiv. Italienische Unternehmen genießen hinsichtlich Design und industrieller Fertigung einen guten Ruf und sind somit für Finanzinvestoren und auch Unternehmenszusammenschlüsse attraktiv.

Außenhandelsminus bei S+B

Auch für Italien ist Deutschland der wichtigste Handelspartner. 16,6 Prozent der Gesamtimporte und 12,6 Prozent der Gesamtexporte entfielen 2018 auf Deutschland. Im Schloss- und Beschlagbereich ist diese enge Verflechtung ebenfalls recht deutlich, aber auch hier ist aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung nur eine schwache Dynamik auszumachen. 2018 konnten deutsche Hersteller nach Angaben von Eurostat Waren im Wert von 263,7 Millionen Euro (+ 0,5 Prozent) exportieren. Damit liegt Italien hinter Österreich und vor den Niederlanden auf dem achten Rang der Abnehmerländer. Mit einem Blick auf die Einwohnerzahlen der jeweiligen Länder ist dies jedoch recht gering. In die Gegenrichtung wurden für 2018 sogar Warenströme im Wert von 279,5 Millionen Euro (+ 0,4 Prozent) erfasst, wobei mehr als ein Drittel dieser Importe den Kfz-Bereich betreffen. Italien ist damit eines der wenigen Länder, in denen die deutsche Schloss- und Beschlagindustrie einen negativen Außenhandelssaldo aufweist. Dies ist im vergangenen Jahr aber kein einmaliger Effekt gewesen, sondern zeigt sich bereits seit fünf Jahren, was auf strukturelle Gründe hinweist. Bei den Marktanteilen in Italien fällt eine Entwicklung besonders deutlich ins Auge. Während der EU-Anteil der aus Deutschland bezogenen Schlösser und Beschläge von 46,5 Prozent in 2009 auf 33,4 Prozent in 2018 gesunken ist, stieg der Anteil der Einfuhren aus Polen von 1,6 Prozent auf 12,8 Prozent, was auch durch die Verlagerung von Produktionskapazitäten verursacht sein dürfte.

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Die Bauzulieferer konnten mit + 0,2 Prozent nur unterdurchschnittlich zum Exportwachstum beitragen und vermeldeten 2018 einen Warenexport im Wert von 117,1 Millionen Euro. Die wichtigsten Produktgruppen im Baubereich waren Fensterbeschläge (46,6 Millionen Euro), Türbeschläge (17,8 Millionen Euro) und Bänder (15,3 Millionen Euro). In Gegenrichtung haben sich die Warenströme erstmals seit fünf Jahren verringert, so bezog Deutschland 2018 Schlösser Beschläge für den Baubereich im Wert von 109,3 Millionen Euro (- 0,3 Prozent) aus italienischer Produktion. Die schwächeren Zahlen der ersten Monate von 2019 überraschen aufgrund der gesamtwirtschaftlichen Perspektiven nicht.