Teilnehmer der im März 2017 gegründeten Wirtschaftsinitiative „Smart Living“ sind Unternehmen, Initiativen, Verbände und Vereine. Seit April 2017 koordiniert und betreut die Geschäftsstelle Smart Living im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) die Aktivitäten und fungiert als Ansprechpartner.
BuT: Ist ein Ende der proprietären Insellösungen in Sicht, angesichts von großen Kooperationen? Damit wäre eines der großen Ziele Ihrer Initiative in Reichweite.
Mijo Maric: Die Smart-Living-Industrie hat verstanden, dass die Interoperabilität von Produkten unterschiedlicher Hersteller beziehungsweise möglichst offene Systeme im eigenen Interesse sind. Kein Hersteller kann alles aus einer Hand bieten. Branchen- beziehungsweise gewerkeübergreifende Kooperation sind daher die einzig sinnvolle Lösung. Das bedeutet jedoch nicht, dass es einen einheitlichen „Universal-Übertragungsstandard“ geben wird, der alle Gewerke und Produktgruppen im vernetzten Heim der Zukunft umfasst; auch wenn dies aus Verbrauchersicht wünschenswert ist. Vielmehr wird künftig ein Großteil der Smart-Home-Systeme unterschiedliche Übertragungsstandards und Schnittstellen bedienen können.
BuT: Welche Rolle spielen Ihrer Ansicht nach das Fachhandwerk und der Fachhandel bei der Ausschöpfung der Potenziale des Smart-Home-Markts?
Maric: Das Handwerk ist der wichtigste Ansprechpartner vor Ort, ist regional bekannt, genießt das Vertrauen des privaten und gewerblichen Endkunden und ist bundesweit verfügbar. Es berät produktneutral und lösungsorientiert in allen Smart-Living-Bereichen. Der Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke ZVEH hat – um ein Beispiel zu nennen – eine Betriebsdatenbank unter www.elektrohandwerk.de eingerichtet, in der interessierte Kunden nach geprüften und erfahrenen Smart-Living-Betrieben suchen können. Die nötige technische Qualifikation für hochwertige und innovative Installationen ist im Fachhandwerk vorhanden und wird in Richtung Systemintegration weiterentwickelt. Zusätzlich werden Qualifizierungen im Beratungsumfeld entwickelt, um über alle Vertriebsstufen hinweg Nutzen und Lösungen von Smart Living einheitlich zu kommunizieren.
Der Fachhandel ist das Bindeglied zwischen Smart-Living-Herstellern und Handwerksbetrieben beziehungsweise anderen Abnehmern. Er sichert, dass die richtige Ware zur entsprechenden Zeit am gewünschten Ort in der richtigen Menge und Qualität bereitsteht. Der Fachhandel kann auch wichtige Impulse für die Produktgestaltung leisten; zudem hat er auch eine Schulungs- und Informationsfunktion. Sowohl Fachhandwerk und Fachhandel leisten darüber hinaus mit Showrooms beziehungsweise Musterinstallationen Aufklärungsarbeit, damit die Möglichkeiten und Nutzenaspekte von Smart-Living-Lösungen seitens Abnehmern und Nutzern erlebbar sind und besser verstanden werden können.
Smart-Living ist nicht die einzige Thematik die im Magazin "Bauelemente + Technik" eine Rolle spielt, auch spielen Themen wie Treppenbau und Insektenschutzsysteme ein Rolle in der Ausgabe 4.
bauelemente + technik
BuT: Welche Markthemmnisse stehen dem Smart-Home-Markt in Deutschland und Europa entgegen, und was kann dagegen getan werden?
Maric: Nicht nur in Deutschland ist das Marktangebot immer noch von einer Vielzahl proprietärer Insellösungen geprägt, die nicht interoperabel sind. Markthemmnisse sind aus Kundensicht unzureichende Investitionssicherheit hinsichtlich der späteren Erweiterung von Systemen um Komponenten auch anderer Hersteller. Zudem besteht Aufklärungsbedarf in der (Fach-)Öffentlichkeit über die vielfältigen Nutzenaspekte von Smart-Living-Lösungen. In Deutschland sind auch die Bedenken hinsichtlich Datensicherheit und Privacy etwas stärker ausgeprägt, obwohl die Smart-Living-Anbieter aus Deutschland hier sehr viel tun und ihre Lösungen zu den sichersten gehören. Die Politik kann beispielsweise mit Förderprojekten, Investitionsanreizen, mit dem Einsatz von Smart-Living-Lösungen in Behörden oder aber mit der Unterstützung der Wirtschaftsinitiative Smart Living einen Beitrag leisten.
BuT: Wo liegen die Potenziale im Markt?
Maric: Smart-Living-Anwendungen können einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung großer gesellschaftlicher Herausforderungen leisten – etwa im Rahmen der Energiewende, des demografischen Wandels oder hinsichtlich des gestiegenen Sicherheitsbedürfnisses der Menschen. Das größte Potenzial liegt ohne Frage im Bereich der Nachrüstung. Denn es gibt in Deutschland circa 41 Millionen Bestandswohnungen, gegenüber einer Neubau-Quote von derzeit 1,2 Prozent im Jahr.
BuT: Ihre Initiative nennt zwei Bereiche, die sonst nicht so stark im Fokus stehen: die Wohnungswirtschaft und das Gesundheitswesen. Könnten Sie uns das erläutern?
Maric: Die Frage könnte ja auch sein: Warum stehen diese Bereiche sonst nicht so stark im Fokus? Die Wohnungswirtschaft ist ein überaus wichtiges und großes Smart-Living-Anwendersegment mit großen Multiplikator-Effekten, welches von den Energieeinspar-Potenzialen oder einer verbesserten Mieter-Verwalter-Kommunikation durch Smart-Living-Lösungen profitieren kann. Die ersten Wohnungsunternehmen haben schon vor über zehn Jahren „smarte“ Projekte, wie Assistenzlösungen für ältere Menschen, umgesetzt. Viele Wohnungsunternehmen sind dem Beispiel zwischenzeitlich gefolgt, um Mietern mehr Selbstständigkeit und einen besseren Wohnkomfort in ihrem Zuhause zu ermöglichen. Aufgrund des derzeitigen Bau- und Modernisierungsbooms gibt es eine große Nachfrage nach Smart-Living-Lösungen. Angesichts des demografischen Wandels wird es eine wachsende Anzahl von Menschen geben, die auch im Alter oder bei Krankheit möglichst lange selbstbestimmt in ihrer gewohnten Umgebung bleiben wollen. Hier können Smart-Living-Lösungen einen wichtigen Dienst tun, damit auch Verwandte und Pflegedienste besser den Zustand der Betroffenen überwachen können. Insbesondere die größeren Pflegeanbieter – sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich – beschäftigen sich seit Jahren mit den Möglichkeiten von Smart-Living-Technologien und setzen diese auch bereits ein. Viele spezialisierte Anbieter für Assistenz-Dienste sind bereits auf dem Markt aktiv und entwickeln innovative Lösungen. Nicht zuletzt sind auch die Krankenkassen betroffen, da zukünftig auch die Finanzierung von Smart-Living-Lösungen möglich sein wird.
BuT: Ihre Initiative ist noch recht jung, hat aber dennoch jetzt schon eine beeindruckende Teilnehmerzahl, darunter viele Verbände und Institute. Welche Rolle spielen diese bei der Entwicklung eines Smart-Home-Leitmarktes?
Maric: In der Tat bestätigt der rasante Teilnehmerzuwachs die Relevanz des Smart-Living-Marktes. Die Verbände und Initiativen mit ihren teilweise Tausenden von Mitgliedern spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Smart-Living-Marktes. Für ihren jeweiligen Bereich informieren und beraten sie ihre Mitglieder über wichtige Marktentwicklungen und Trends, bieten Fachgremien, Fortbildungsleistungen und Veranstaltungen an, ermöglichen Erfahrungsaustausch, initiieren die Meinungsbildung zur Normung und betreiben zum Teil sehr erfolgreiche Interessensvertretung. In der Wirtschaftsinitiative Smart Living sind ein Großteil der Branchen beziehungsweise Segmente vertreten, die für Smart Living relevant sind: E-Industrie, IT-Anbieter, E-/IT-Handwerk, Sanitär, Heizung, Klima, Rollladen/Sonnenschutz, Maschinen- und Anlagenbau, Elektro-Großhandel und die Wohnungswirtschaft. Sie tragen somit entscheidend dazu bei, die Smart-Living-Wertschöpfungskette abzubilden. Erst im Zusammenwirken all dieser Akteure, durch branchenübergreifende Kooperationen können wir Deutschland zum Smart-Living-Leitmarkt entwickeln.
BuT: Bei Smart-Home-Technik sind oft viele Gewerke beteiligt. Ist das ein Markthemmnis?
Maric: Smart-Living-Lösungen sind umso attraktiver, je mehr Gewerke integrierbar sind. Solche Lösungen sind ausbaufähiger, sie erlauben intelligentere Szenarien beziehungsweise Regeln, und die Nutzenaspekte sind durch die zentrale Steuerung vielfältiger. Gleichzeitig ist die Berücksichtigung vieler Gewerke auch eine Herausforderung für den wachsenden Smart-Living-Markt. Denn die verschiedenen Gewerke beziehungsweise Branchen haben ihre jeweiligen Branchen-Mentalitäten, unterschiedliche Übertragungsstandards, Digitalisierungs-Durchdringung und Produktlebensdauern. Für Smart-Living-Anwendungen müssen Gewerke kooperieren, die bisher gar nichts oder kaum etwas miteinander zu tun hatten. Bei Lösungen mit vielen Gewerken stellen sich zudem beispielsweise auch Haftungs- beziehungsweise Gewährleistungsfragen neu.
Die Wirtschaftsinitiative Smart Living leistet als bundesweites Netzwerk einen Beitrag, dass die verschiedenen Branchenvertreter schneller ins Gespräch kommen, Informationen und Erfahrungen austauschen und leichter kooperieren können, damit eine Marktdynamisierung zugunsten attraktiverer Smart-Living-Lösungen erfolgt.
BuT: Eine Ihrer Arbeitsgruppen beschäftigt sich mit dem Thema „Recht“, und das ist im Smart-Home-Bereich oft mit Fragen des Datenschutzes verbunden. Welchen Einfluss hat die Datenschutzgrundverordnung?
Maric: Die neue Datenschutzgrundverordnung nimmt alle Akteure, die Daten erheben und verarbeiten, stärker in die Pflicht und stärkt die Rechte der Verbraucher. Sie gibt damit einen gesamteuropäischen Handlungsrahmen für das sich hochdynamisch entwickelnde Smart-Living-Marktumfeld. Die Wirtschaftsinitiative trägt dem Rechnung, indem sie mit einer eigens dafür geschaffenen Arbeitsgruppe die Entwicklung begleitet und zur Problemlösung beiträgt. Vorrangig wird dies zum Beispiel in den Fragestellungen geschehen, die sich aus der von der Wirtschaftsinitiative angestrebten gewerke-übergreifenden Kooperation im Bereich Smart Living ergeben oder dem Streben nach Nutzungs- und Nutzer-Sicherheit. Dabei muss jedoch dem pragmatischen Handeln so weit Rechnung getragen werden, dass keine „Selbstbeschneidung“ entsteht, gefolgt von Nachteilen im globalen Wettbewerb.
Mehr Informationen zu Smart-Living und Smart Home finden Sie auf unserer Tochterseite www.smart-home-retail.de und im Smart Home Retail Sonderheft von baumarktmanager.
Bauelemente 2018-08-23T12:15:35Z Deutschland zum Smart-Living-Leitmarkt entwickeln
zuletzt editiert am 24. August 2020