Neben Abus und Assa Abloy sind noch andere große Hersteller beim Berliner Unternehmen vertreten.
Neben Abus und Assa Abloy sind noch andere große Hersteller beim Berliner Unternehmen vertreten. (Quelle: Emil Herminghaus)

Beschlag- und Sicherheitstechnik 2020-02-20T23:00:00Z Vergleichbarkeit als Vorteil

Emil Herminghaus ist seit 1871 ein Begriff in Berlin. Heute ist das Unternehmen in der Hauptstadt der letzte eigenständige Großhandel im Bereich der Sicherheitstechnik. Die Redaktion sprach mit dem Geschäftsführer Holger Jochem, der das Unternehmen in 3. Generation leitet, über Vergangenheit und Zukunft.

Im Jahr 2008 hat Holger Jochem die Geschäftsleitung von seinen Eltern übernommen.
Im Jahr 2008 hat Holger Jochem die Geschäftsleitung von seinen Eltern übernommen. (Quelle: Emil Herminghaus)

Seine Eltern haben Holger Jochem die Leitung im Jahr 2008 übergeben. Wie so viele in der Branche hat auch er eine Zeitenwende erlebt, trägt aber auch Verantwortung dafür, dass der letzte eigenständige Sicherheitstechnik-Großhandel in Berlin weiter besteht.

Um dies zu gewährleisten, stand im Oktober 2018 ein Umzug an, von dem langjährigen Standort in Kreuzberg nach Neukölln. „Das war schon eine Umstellung, weil wir am alten Standort seit 1961 waren. Die Anbindung mit dem öffentlichen Nahverkehr ist zwar hierhin schwieriger, aber alle haben sich daran gewöhnt, und für einige ist der Arbeitsplatz auch näher an den Wohnort gerückt. Unsere Kunden können uns nun auch überwiegend besser erreichen“, beschreibt Jochem die Veränderung. Zudem gibt es für alle jetzt mehr Platz. 1 144 Quadratmeter stehen den 30 Mitarbeitern zur Verfügung. Drei Angestellte sind für den Schließanlagenbau zuständig, vier arbeiten im Außendienst in Berlin/Brandenburg und Hannover, vier in der Objektberatung, weitere vier Personen in der Verwaltung, der Rest verteilt sich zu gleichen Teilen auf Verkauf und Lager. Viele haben bei Herminghaus schon ihre Ausbildung absolviert. Seit 1997 bildet Herminghaus im dualen Ausbildungssystem den Beruf Groß- und Außenhandelskaufmann/-frau aus und beschäftigt derzeit einen Auszubildenden.

Jochem selbst hat eine Ausbildung als Groß- und Außenhandelskaufmann bei der Metro abgeschlossen. Sowohl ihm als auch seinen Eltern war es wichtig, nicht im Familienbetrieb ausgebildet zu werden, sondern „mal was anderes zu sehen“. Bei der Metro lernte er nicht nur viel Fachliches, sondern vor allem viel Eigenverantwortung, „was ich wirklich toll fand. Es hat nicht nur Spaß gemacht, sondern kommt mir heute noch zugute“, erzählt der 40-Jährige. Anschließend leistete Jochem seinen Zivildienst, danach durchlief er im elterlichen Betrieb alle Abteilungen.

Verschiedene Wechsel

Stark eingebunden war er in den Prozess der stückweisen digitalen Umstellung, beispielsweise in die Einführung des neuen Warenwirtschaftssystems im Jahr 2007. „Dadurch haben sich die Prozesse komplett verändert, deutlich vereinfacht. Dennoch ist in der Summe alles hektischer geworden. Zeit ist enorm wichtig. Wurde früher bei einer Auslieferung ein Teil vergessen, wurde es halt eine Woche später ausgeliefert. Das ist heute undenkbar, da muss die Ware sofort nachgeliefert werden. Hinzu kommt, dass viele sich spezialisiert haben, auch bei uns. Heute arbeitet jeder mit viel Eigenverantwortung – was auch gut ist und mich entlastet“, weiß Jochem zu berichten.

Angesichts dieser Entwicklung fiel es den Eltern nicht schwer, die Geschäftsleitung ihrem Sohn zu übergeben. „Die Übergabe ist sehr gut gelaufen. Meine Eltern haben mir da viel Freiheit gelassen“, bestätigt der Sohn.

Die Eltern hatten das Unternehmen 1975 übernommen. Damals übertrug Karl-Heinz Mauermann die Leitung seiner Tochter Jutta Jochem und ihrem Mann Peter Jochem. Mauermann selbst hatte Herminghaus 1967 von der Firma Mittelmann übernommen, die wiederum das Unternehmen 1963 gekauft hatte. Damals waren es noch zwei Unternehmen, eines in Berlin und eines in Velbert. In der Schlüsselregion war 1871 erst die Schlossfabrik und Eisengießerei Emil Herminghaus GmbH entstanden und kurz danach das Handelsgeschäft in Berlin gegründet worden. 1887 gab es sogar bereits eine Niederlassung der Schlossfabrik in Riga. Was vom Krieg und den harten Jahren danach übrig blieb, wurde, wie erwähnt, Anfang der 1960er-Jahre verkauft. Das Handelsgeschäft blühte unter der Leitung und dem leidenschaftlichen Einsatz von Mauermann auf. Sein Engagement konnte er an seine Tochter weitergeben, die darüber hinaus unter den Angestellten auch noch eine weitere Liebe und damit ihren zukünftigen Ehemann Peter fand.

Gute Auftragslage

Dem Unternehmen Herminghaus, bei dem neben Abus und Assa Abloy noch andere große Hersteller vertreten sind, ging es seitdem gut – und das ist auch heute noch so. Die Auftragslage ist mehr als zufriedenstellend, „obwohl das Nachrüstgeschäft massiv im Jahr 2018 eingebrochen ist. Zuvor hat es unter anderem wegen der KfW-Förderung enorm geboomt. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau“, gesteht Jochem ein, denn der Bereich läuft nach wie vor solide. Der Einbruch konnte zudem nach seiner Schilderung durch die anderen Bereiche gut aufgefangen werden.

Der beratungsintensive Elektronikbereich ist bei Herminghaus ein wichtiges Geschäftsfeld mit eigener Abteilung. Dabei agieren die Berliner nicht als Errichter, das Objektgeschäft wird immer in Zusammenarbeit mit einem Sicherheitsfachgeschäft vor Ort durchgeführt. Herminghaus ist in Berlin und Umfeld aktiv und bietet vom Briefkasten bis zur Mehrfachverriegelung alles an. Um eine sichere Logistik und Belieferung zu gewährleisten, hat das Unternehmen einen eigenen Fahrer, der zusätzlich zu den Transportdiensten von UPS eingesetzt wird.

Eine große Rolle spielen beim Großhändler die Schulungen, für die zwei Räume im Unternehmen bereitstehen: einen Raum für den theoretischen und einen für den praktischen Unterricht. Über 20 Hersteller führen am Berliner Stammsitz Schulungen für die Kunden von Herminghaus durch, bei Rauchmelderseminaren ist zudem ein Experte vom TÜV dabei. Jedes Seminar, das ein bis zwei Tage dauert, hat zwischen zehn und zwölf Teilnehmer, sodass eine gute Schulung für jeden Einzelnen gewährleistet werden kann. Rauchwarnmelderschulungen seien derzeit besonders gefragt, auch die Seminare von Volk Sicherheitstechnik und Montageschulungen sind durchweg gut besucht. Neu hinzugekommen ist zum Beispiel die LKA Grund- und Fortbildung. Lediglich die Seminare zu Nischenprodukten sind nicht immer ausgelastet.

Was hingegen stets hohen Zulauf hat, ist das Hoffest, das jedes Jahr bei Herminghaus stattfindet. Mehr als 150 Kunden kommen dann zu Besuch und genießen mit ihren Partnern und Kindern ein buntes Familienprogramm. Vor Ort stellen aber auch Hersteller ihre neuen Produkte aus, sodass das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden werden kann.

Virtueller Ausbau

Nach der räumlichen Vergrößerung mit dem Umzug im Herbst 2018 plant Jochem bereits den weiteren Ausbau, jedoch eher virtuell. Vor allem der B2B-Onlineshop soll verbessert werden. Der erste Shop startete 2009, seitdem ist nicht nur der Shop, sondern auch der Umsatz damit deutlich gewachsen. Dabei handelt es sich nicht um eine Umsatzverlagerung vom realen in den virtuellen Shop, wie der Geschäftsführer versichert. „Mit dem Onlineshop erreichen wir Kunden, die wir vorher nicht hatten“, erzählt Jochem begeistert. Zudem können über den Shop Informationen einfacher und schneller, und damit aktueller, verbreitet werden. „Dadurch wird man in der Summe zwar transparenter, und der Kunde kann besser vergleichen, aber dieser Vorteil des Kunden wird zu unserem Vorteil“, ist sich der 40-Jährige sicher.

Bezüglich der Portfolio-Entwicklung ist sich Jochem zudem sicher, dass die Mechanik noch lange eine große Rolle spielen wird, weil die Elektronik für Private noch zu teuer ist und im Wohnungsbau nur im Neubau eingesetzt wird. Derzeit sei es kein Nachrüstgeschäft. Skeptisch ist der Geschäftsführer jedoch, was den Bereich Smart Home angeht. „Wie kann dieser Markt von uns gestaltet werden? Wie können wir damit Umsatz generieren? Diese Fragen sind noch immer offen. Es gibt einfach zu viele Player, die direkt am Endkunden sitzen, beispielsweise die Telekom. Wie soll man dazwischen kommen?“, fragt sich Jochem.

Doch auch auf diese Fragen wird er, der schon einige Veränderungen miterlebt und -gestaltet hat, beantworten – und damit den letzten eigenständigen Großhandel für Sicherheitstechnik in Berlin für die nächste Geschäftsführergeneration vorbereiten.

Jochem selbst und ein paar Mitarbeiter besuchen regelmäßig die Fensterbau/Frontale in Nürnberg und die Security in Essen und sehen diese Besuche als Orientierung am Markt an. Den nachlassenden „Orderdruck“ begrüßt er, dennoch wird ein Besuch der beiden Messen für das Unternehmen immer weniger lohnenswert, weil die Zahl der Hersteller von Sicherheitstechnik dort abnimmt. „Allerdings kann ich auch nicht alle Mitarbeiter auf Veranstaltungen beim Hersteller schicken, das würde noch mehr Geld und Zeit kosten.“

Als Zumutung empfindet Jochem die zu Messezeiten immer teurer werdenden Hotels. „Wenn ein Schlüsseldienst zu bestimmten Zeiten auf einmal das Doppelte und Dreifache nähme, würde das als Wucher bezeichnet. Warum ist das bei Hotels in Ordnung?“

Erstaunlich findet er auch, dass bis Ende November 2019 noch kein Hersteller auf seine Teilnahme an der Fensterbau/Frontale aufmerksam gemacht hatte. „Wüsste ich nicht, dass die Messe im März stattfinden wird, könnte ich es daran nicht festmachen.“

Doch neben dem Informationsgehalt schätzt er vor allem den persönlichen Kontakt, den man auf Messen pflegen kann. „Ohne Messen ginge dies nahezu verloren, weil ein Hersteller durch eigene Veranstaltung nicht eine solche Reichweite erreichen würde.“

zuletzt editiert am 04. November 2020
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