Dortmund Nordwest hatte mal eine Vision: Im Jahr 2020 als erfolgreichste Verbundgruppe im Produktionsverbindungshandel ein Geschäftsvolumen von über drei Milliarden Euro mit einem Ebit größer als 0,5 Prozent in Europa zu erreichen. Das ist bereits im Jahr 2018 gelungen. Ein Jahr später, im August, kam Andreas Ridder als Vorstandsvorsitzender zu Nordwest. Die Redaktion sprach mit ihm über seine Visionen.
„Wir wollen die Verbundgruppe sein, die die zufriedensten Händler hat und die in uns den größten Nutzen sehen“, lautet Ridders Antwort, der weniger von Visionen und mehr von Zielen und Zahlen spricht. „Wir haben derzeit 50 bis 60 Händler Nettozuwachs pro Jahr. Und es ist toll, wenn die Händler einem sagen: ‚Es macht Spaß hier dabei zu sein.‘ Wir wollen fair miteinander umgehen und niemanden verklagen oder den Bonus vorenthalten.“ Ridder ist mit der momentanen Lage sehr zufrieden. Das bedeutet für ihn, nicht träge zu werden, sondern sich weiterzuentwickeln und agil zu bleiben. „Wir sind die Nahbaren, die Ansprechbaren. Wir sitzen hier nicht in einem Elfenbeinturm. Zusammen mit unseren Partnern wollen wir die Zukunft gestalten und anständig miteinander umgehen – das zahlt sich langfristig aus, davon sind wir zutiefst überzeugt.“Andreas Ridder war sieben Jahre bei Holz-Land, davor 13 Jahre in der Industrie bei Osmo, einem holzverarbeitenden Unternehmen. Die Umstellung von einem Industrieunternehmen auf eine Verbundgruppe ist ihm nach eigenem Bekunden schwerer gefallen als der Wechsel von Holz-Land zu Nordwest. Nachvollziehbar, wenn man überlegt, dass die Mechanismen und Instrumente, die in der Industrie angewendet werden, deutlich flexibler sind als die im Handel. „Im Handel kann man nicht einfach mal eben die Strategie wechseln, sondern muss genau hinsehen, was der Kunde beziehungsweise der Händler will“, beschreibt Ridder den Unterschied. Daher sei die Umstellung zu Nordwest für ihn nicht schwer gewesen, sondern „nur größer“. Das Dortmunder Handelshaus bediene verschiedene Produktfelder mit unterschiedlicher Dynamik.
Frage nach dem Nutzen
„Wir müssen Leistungen anbieten, die gefragt sind. Das tun wir sehr erfolgreich mit einem guten, hoch motivierten Team, das nach Werten lebt“, erläutert der Vorstandsvorsitzende und betont dabei, dass das nicht nur PR-Sprüche von ihm seien, sondern er dies genauso auch meine wie er es sage. Das Wohl und Wehe der Händler stehe für Nordwest an erster Stelle. „Auch das ist keine Phrase, sondern das meine ich ernst. Der Nutzen für den Fachhandel steht bei uns klar im Vordergrund.“ Daher werde der Handel frühzeitig in die Ideen der Handelsgruppe eingebunden. So könne rechtzeitig festgestellt werden, ob der Nutzen groß genug für alle Beteiligten ist. „Dafür müssen wir auch immer den Anstoß geben, immer wieder nachfragen und erklären“, so Ridder.Ein Beispiel dafür sei die Logistik. Sie wurde nach Aussage des Vorstandsvorsitzenden deutlich verbessert, und zwar nach den Gesichtspunkten Kostenschlankheit und Händlervorteile: „Nun kann der Handwerkskunde eines Nordwest-Fachhändlers im Nordwest-Shopsystem des Händlers bestellen und erhält die Ware von unserem Lager an den Ort seiner Wahl. Der Händler muss dafür nichts in die Hand nehmen und hat trotzdem offiziell eine Leistung für seinen Kunden erbracht.“ Im Geschäftsfeld Beschlag hat Nordwest nach Aussage des Vorstandsvorsitzenden teilweise eine logistische Funktion, in Teilen aber auch „nur“ eine Abwicklungsfunktion.
Digitalisierung vorantreiben
Doch auch die Datenerbringung ist ebenfalls ein Teil der Leistung und spielt in die Gesamtthematik Digitalisierung hinein. „Vor circa fünf Jahren habe ich bei einem Vortrag die ‚Süddeutsche Zeitung‘ zitiert mit dem Satz: ‚Digitalisierung ist wie Sex in der Pubertät – jeder redet drüber, aber keiner weiß wie es geht.‘ Im Prinzip ist es heute nicht viel besser. Der Stand der Dinge ist je nach Branche sehr unterschiedlich. So ist beispielsweise die Automobilentwicklung viel, viel weiter als die Beschlagbranche. Wir als Nordwest müssen in diesem Prozess Nutzen stiften. Und wir haben extrem gute Lösungen“, bestätigt Ridder mit einem souveränen Lächeln.Er weiß um die Problematik für viele Unternehmen, die seiner Ansicht nach oft an der falschen Stelle anfangen. „Zunächst müssen sie ihre Daten im Griff haben. Die Datenaufbereitung ist enorm wichtig, und die ERP-Daten sind da nur die kleinste Basis. Das Thema ist weitreichend und vielfältig: Es geht auch um die Daten für die Logistik, marketingrelevante Daten, shoprelevante Daten. Und wir haben das Thema gut im Griff, an zentraler Stelle“, so Ridder, der dabei bewundernd nach Skandinavien blickt: „Die haben das viel besser gelöst als wir in Deutschland. Wer da seine Daten nicht entsprechend qualifiziert abgibt, mischt beim Warenaustausch gar nicht mit.“Lernen könne man dabei von Amazon & Co., die bereits eine Rolle in einigen Fachhandelsbereichen spielen. Bequeme Bestellung und schnelle Lieferung – das zeige, was gefragt sei. „Für uns ist das ein extremer Ansporn, beispielsweise in Bezug auf die Lagerung, Stichwort: virtuelles Lager.“ Den Unterschied zum Fachhandel mache aus, dass er teilweise so stark spezialisiert sei, dass dies Amazon nicht leisten könne – noch nicht.Was die Datenkraken allerdings auch nicht lösen können, ist das Problem des zunehmenden Fachkräftemangels. Der deutsche Markt bleibt aufgrund fehlender Handwerker hinter den Erwartungen zurück. Viele Unternehmen könnten wachsen, weil die Auftragslage so gut ist, können es aber de facto nicht, weil sie die Manpower nicht haben oder bekommen. „Deshalb machen wir uns auch keine Sorgen um die Konjunktur, sondern um die Umsetzung“, so Ridder und bietet damit die perfekte Überleitung zu „Smartilligent“ von Nordwest.
Smart und intelligent
Fehlende Fachkräfte sind auch ein Grund, warum der Smart-Home-Bereich nicht so recht in Schwung kommt. Doch dafür hat sich Nordwest nun etwas einfallen lassen. Rüdiger Bäcker von der Stabstelle Sonderprojekte präsentierte der Redaktion das Konzept zu Smartilligent, mit dem die Fachhandelspartner im Bereich Smart Home unterstützt werden sollen.

Grundüberlegung und Antrieb dazu war, dass eine tragfähige, breite und kompetente Struktur zwischen Herstellung und Anwender im Smart-Home-Bereich bestehe. „Es fehlt Engineering-Leistung und Applikationsservice, es fehlt systemverbindende Hard- und Software außerhalb von Alexa, es fehlt ein Rundum-sorglos-Service für Hersteller und Anwender“, listet Bäcker die Mankos auf. Die Lösung: Smartilligent, das Nordwest-Konzept zur Vermarktung einer Smart-Home-Lösung. Es biete aus einem breiten Sortiment bewährter Markenprodukte von führenden Herstellern die für die jeweilige Aufgabenstellung richtige Lösung samt umfassender Beratung, schneller Lieferung und maßgeschneiderten Applikationen. „Die Leistung erbringen wir herstellerunabhängig, systemübergreifend und mit 24-Stunden-Schnell-Lieferservice aus der Zentrallogistik“, erläutert der Fachmann die Nordwest-Lösung. Die eigene Markenpositionierung klingt fast vermessen: „Smartilligent ist die systemübergreifende Lösung, die im Bereich Smart Home einen neuen Standard setzt. Ihre multifunktionale, interoperabel arbeitende Zentralsteuerung vereint alle relevanten Applikationen, Übertragungstechnologien und Systemprotokolle zu einem funktionalen Gesamtsystem. Und bietet somit sowohl Endgebrauchern als auch Fachhandwerkern einen einfachen, bequemen und zukunftssicheren Einstieg in die Welt der Hausautomation.“
Mit vier Ausbaustufen soll dies gelingen, von der ausschließlichen Inhouse-Steuerung über Funk oder Wlan bis hin zur Sprachsteuerung oder Fernsteuerung außer Haus. Dabei ist es unerheblich ob, mit der Heizungssteuerung oder auch der Gartenbewässerung gestartet wird. Die Erstinvestition ist stets die Basis, auf der aufgebaut werden kann und die nicht verloren geht. Später können weitere Bereiche wie die Alarmanlage, die Rollläden oder Überwachungskameras hinzugenommen werden.
Das Ganze wird über eine zentrale Shop-Lösung von Nordwest angeboten. Zur Verkaufsraumpräsentation gibt es einen umfassend bestückten Musterkoffer, der auch zur Wandpräsentation genutzt werden kann. Mit einer 360-Grad-Marketingkampagne sollen sowohl Endverbraucher als auch Fachhandwerker mit Qualitätsanspruch erreicht werden. Zu den möglichen Vertriebs- und Service-Partnern gehören nicht nur die eigenen Fachhandelskunden, sondern auch die der Interkey.
Darüber hinaus steht Nordwest seit einiger Zeit mit Unternehmen der Jäger-Fischer Group (JF Group) in Verbindung, die Lieferant, aber auch Kunde bei Nordwest sind. Zur JF Group gehört auch die Deutsche Elektro, wo man gute Kontakte zu Elektroinstallationsbetrieben hat. Daraus ergibt sich nach den Ausführungen von Rüdiger Bäcker ein Netzwerk von über 600 Unternehmen mit elektrotechnischer Beratungs- und Installationskompetenz, das auch die Nordwest-Fachhandelspartner nutzen und damit ihre Position im Markt stärken können.
Sowohl für sie als auch für Erstinteressenten, Interessenten für Erweiterungen und Servicebedürftige gibt es eine zentrale Kontaktstelle, die telefonisch und online erreichbar ist. Alle telefonischen Kontakte und die Online-Feedbackfunktionen laufen dort zusammen. Dies liefert nicht nur einen Überblick über den Gesamtbedarf, sondern ermöglicht vor allem eine bedarfsgerechte Steuerung aller Prozesse. Diese Dienstleistung ist zwar für die Nordwest-Fachhandelspartner kostenpflichtig, wird aber dennoch sehr begrüßt, wie Bäcker aus verschiedenen Gesprächsrunden weiß, weil sie Entlastung bedeute.
Der offizielle Start für Smartilligent ist am 1. April. Zwei Jahre lang wurde das Konzept entwickelt. Es basiert auf Befragung von Endverbrauchern, Expertengesprächen, Datenanalysen und Besuchen von Verbrauchermessen. „Wir wollten wissen, was der Kunde will, damit der Fachhandel genau das anbieten kann“, strahlt Bäcker, der auf das Ergebnis sichtlich stolz ist. Wenn Smartilligent hält, was es verspricht, könnte das den Durchbruch in der Smart-Home-Vermarktung bringen.