Indien importierte 2018 Schlösser und Beschläge im Wert von 112,4 Millionen Euro aus den Ländern der EU, der deutsche Anteil schwankt dabei seit Jahren um rund 55 Prozent.
Indien importierte 2018 Schlösser und Beschläge im Wert von 112,4 Millionen Euro aus den Ländern der EU, der deutsche Anteil schwankt dabei seit Jahren um rund 55 Prozent. (Quelle: FVSB)

Beschlag- und Sicherheitstechnik 2020-03-16T23:00:00Z Fünf Prozent sind zu wenig

Indien ist mit rund 1,37 Milliarden Einwohnern nach China das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt. In den nächsten Jahren ist ein Platztausch mit China aufgrund der höheren Geburtenrate und der kräftig steigenden Lebenserwartung absehbar. Holger Koch, stellvertretender Geschäftsführer des Fachverbandes Schloss- und Beschlagindustrie (FVSB), schaut für den Schloss + Beschlagmarkt in das Schwellenland.

Das G20-Land Indien konnte in den vergangenen Jahren die für alle Schwellenländer typischen, hohen Wirtschaftswachstumsraten erzielen. Die BIP-Prognosen für das laufenden Wirtschaftsjahr mussten jedoch kräftig nach unten revidiert werden: Regierung, Weltbank und IWF halten nur noch ein Wachstum von knapp sechs Prozent für realistisch. Auch ein Absacken auf fünf Prozent ist nicht ganz ausgeschlossen, dies wäre das geringste BIP-Wachstum seit elf Jahren – zu wenig, um genügend Beschäftigungschancen für Millionen junger Inder zu schaffen, die jedes Jahr zusätzlich auf den Arbeitsmarkt strömen.

Trotzdem ist Indien kaufkraftbereinigt bereits zur drittgrößten Wirtschaftsmacht der Welt aufgestiegen, doch das Pro-Kopf-Einkommen ist nach wie vor äußerst niedrig. Nach Angaben der Weltbank haben über vierzig Prozent der Einwohner weniger als einen US-Dollar pro Tag zur Verfügung.

Die Hauptstadt Neu-Delhi ist mit rund elf Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes und gilt als kultureller Mittelpunkt. Als wirtschaftliches Zentrum ist Indiens größte Stadt Mumbai anzusehen, die mehr als 12,5 Millionen Einwohner zählt. Die drittgrößte Stadt ist mit 8,5 Millionen Einwohnern Bangalore, die aufgrund der zahlreichen Ansiedlung von Technologiefirmen auch als das indische Silicon Valley bezeichnet wird.

Der seit Mai 2014 amtierender Premierminister Narendra Modi versucht die im vergangenen Jahr abgeschwächte Wirtschaftsdynamik wieder zu forcieren. Durch eine sinkende Steuerlast für Privathaushalte sowie klein- und mittelständische Unternehmen soll der Konsum und die Investitionstätigkeit ansteigen. Trotz steigender Einnahmen aus Privatisierung und höheren Importzöllen auf Konsumgüter wird dadurch aber auch das Haushaltsdefizit steigen. Verbesserungen dürften primär in den Städten zu verzeichnen sein, in ländlichen Regionen lassen sich die enormen strukturellen Defizite nicht so schnell aufholen. Im Gegenteil, es besteht die Gefahr, dass sich der Abstand vergrößern wird.

Infrastrukturprojekte pushen Bauwirtschaft

Die Bauindustrie ist ein wesentlicher Treiber für das indische Wirtschaftswachstum. Der Tiefbau entwickelt sich insgesamt äußert dynamisch. Im Hochbau entwickeln sich die Sparten jedoch unterschiedlich. Der Wohnungsbau hat sich im Laufe des vergangenen Jahres zwar wieder etwas erholt, die schwächelnde Konjunktur sorgt aber vielfach für Liquiditätsprobleme bei Projektentwicklern. Bei mehr als einer halben Millionen Wohnungen war die Fertigstellung nicht gesichert und die Regierung musste mit umfangreichen Fördermaßnahmen unterstützend eingreifen. In den sieben größten Städten wurde erwartet, dass 2019 der Bau von über 200 000 Wohnungen begonnen worden ist. Trotz dieses Höchstwertes seit 2015 ist eine gewisse Skepsis angebracht, existieren dort doch bereits 450 000 unvermarktete Wohnungen. Marktbeobachter berichten von zunehmenden Schwierigkeiten, Wohnungen mit gehobener und Luxusausstattung zu verkaufen. Allein in Mumbai sollen Wohnungen im Wert von 5,6 Milliarden Euro auf Käufer warten.

Günstiger Wohnraum im unteren und mittleren Preissegment ist weiterhin Mangelware. Für den sozialen Wohnungsbau erhöht die Regierung die Mittel, um bis 2022 den landesweiten Bau von zehn Millionen bezahlbaren Wohnungen zu ermöglichen. Ein Viertel davon war im Sommer des vergangenen Jahres schon fertiggestellt, rund die Hälfte bereits im Bau. Darüber hinaus wird mit einem steigenden Bedarf an Studentenapartments gerechnet, derzeit geht man von rund 35 Millionen Studierenden in Indien aus. In einem Land, in dem ein Drittel der Bevölkerung unter fünfzehn Jahre alt ist, dürfte der Markt für altersgerechtes Wohnen recht überschaubar sein. Aber Studien prognostizieren, dass auch aufgrund der steigenden Lebenserwartung die Zahl der über 65-Jährigen sich in den nächsten drei Jahrzehnten auf über 300 Millionen Menschen verdreifachen wird.

Der Gewerbebau zeigt sich vergleichsweise unbeeindruckt von der derzeitig verhaltenen konjunkturellen Entwicklung. Die steigende Fertigstellung von Büroflächen trifft auf sinkende Leerstände und der Bedarf an flexibel nutzbaren Büros steigt überproportional. Die öffentlichen Bauinvestitionen fließen in die Infrastruktur. Das Straßen- und das Schienennetz bedürfen dringend der Modernisierung. Der Aufbau eines Hochgeschwindigkeitsnetzes und der Aus- und Neubau von Bahnhöfen und Flughäfen wird auf Jahre hinaus hohe Milliardenbeträge erfordern, wovon ein nicht unerheblicher Teil auch in die Sicherheitstechnik zu investieren sein wird.

Energieeffizientes Bauen befindet sich in Indien erst im Anfangsstadium und birgt ein großes Potenzial. Aber trotz freiwilliger LEED-Zertifizierungen liegt Indien nach den USA, China und Kanada bereits an vierter Stelle. Die Sensibilisierung für das Thema ist also vorhanden.

Hohes Außenhandelsdefizit

Indiens steigende Exporte können mit den Importen nicht Schritt halten. Nach UN Comtrade sorgten 2018 Importe in Höhe von 618 Milliarden US-Dollar und Exporte in Höhe von lediglich 322 Milliarden US-Dollar für eine Verdopplung des Außenhandelsdefizits. Indiens wichtigstes Lieferland ist China, wichtigster Absatzmarkt die USA. Indien bezog 2018 nur 2,7 Prozent seiner Importe aus Deutschland (16,9 Mrd. US-Dollar), wir tauchen bei den Top-5-Handelspartnern weder im Export noch beim Import auf.

Im Jahr 2018 konnten deutsche Schloss- und Beschlaghersteller nach Angaben von Eurostat Waren im Wert von 63,4 Millionen Euro nach Indien exportieren, was 17,6 Prozent über dem Vorjahreswert lag. In den ersten zehn Monaten von 2019 gingen die Exporte jedoch wieder um knapp zehn Prozent zurück, was aus deutlichen Exportrückgängen der Automobil- und Möbelzulieferer resultiert. Damit liegt Indien derzeit zwischen Mexiko und Dänemark auf dem 20. Rang der Abnehmerländer.

In den letzten zehn Jahren hat sich die Bedeutung der einzelnen Sektoren mehrfach geändert. 2018 wurden rund 38 Prozent der aus Deutschland bezogenen Schloss- und Beschlagprodukte von der Kraftfahrzeugindustrie abgenommen, rund dreißig Prozent fanden Verwendung in der Möbelindustrie und 28 Prozent wurden in der Bauindustrie eingesetzt. Die Bauzulieferer sind dabei aber keinen Schwankungen unterworfen, sie können bald auf eine zehnjährige Steigerung ihrer Exporte blicken, wie die Grafik deutlich veranschaulicht. Von 2009 bis 2018 konnten die Baubeschlagexporte fast vervierfacht werden, und die bisherigen Werte für 2019 lassen erneut ein fast zehnprozentiges Wachstum erwarten, wobei die deutschen Exporteure bereits im Vorjahr ihr Handelsvolumen um 16,6 Prozent auf 17,9 Millionen Euro steigern konnten. Scharniere und Bänder stellen mit knapp zehn Millionen Euro die wichtigste Produktgruppe dar, Türschließer (2,3 Millionen Euro) und Fensterbeschläge (1,7 Millionen Euro) folgen mit deutlichem Abstand.

Indien importierte 2018 Schlösser und Beschläge im Wert von 112,4 Millionen Euro aus den Ländern der EU, der deutsche Anteil schwankt dabei seit Jahren um rund 55 Prozent. Auch im internationalen Ranking der Lieferländer kann Deutschland sich sehen lassen. Nach Angaben von UN Comtrade bezog Indien Schlösser und Beschläge im Wert von insgesamt fast 600 Millionen US-Dollar. Südkorea (46 Millionen US-Dollar) und die USA (29 Millionen US-Dollar) liegen hinter Deutschland auf den Plätzen drei und vier. Chinesische Hersteller behaupten sich seit Jahren unangefochten an der Spitze der Lieferländer: 2018 importierte Indien Schlösser und Beschläge im Wert von 288 Millionen US-Dollar aus dem Reich der Mitte, wozu jedoch auch deutsche Unternehmen mit ihren dortigen Niederlassungen beigetragen haben dürften.

Messen vor Ort

Die jährlich an wechselnden Orten stattfindende ZAK Doors & Windows dürfte manchem noch als Fensterbau/Frontale India bekannt sein. Die Nürnberg-Messe ist weiterhin Ansprechpartner für die Vermarktung in Deutschland. In diesem Jahr findet die Messe vom 3. bis zum 6. Dezember in Mumbai statt, in 2021 wird New Delhi Veranstaltungsort sein. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie beteiligt sich mit einer Firmengemeinschaftsausstellung, an der 2019 zehn deutsche Unternehmen teilnahmen. Namhafte Profilhersteller sind als Direktaussteller im Katalog gelistet. Schloss- und Beschlaghersteller sind eher die Ausnahme. Die internationalen Aussteller kommen mehrheitlich aus China – Deutschland, Türkei, Italien und UK folgen erst mit deutlichem Abstand. Die Parallelveranstaltungen Glass-Technology und Aluminium-Extrusions ergänzen die Messe, so dass an den vier Messetagen mit insgesamt rund 20 000 Besuchern zu rechnen ist.

zuletzt editiert am 04. November 2020
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