Im 1. Quartal 2020 ist das BIP von Frankreich bereits um 5,7 Prozent gesunken und während des Lockdowns wurde ein Rückgang der Wirtschaftsleistung um ein Drittel prognostiziert. Der tatsächliche Einbruch war weniger dramatisch.
Um -18,9 Prozent viel die Wirtschaftsleistung von Frankreich im Vergleich zu andenren EU-Staaten (-13,9 Prozent). Holger Koch, stellvertretender Geschäftsführer des Fachverbandes Schloss- und Beschlagindustrie (FVSB), blickt für den Schloss + Beschlagmarkt zu unserem wichtigsten Handelspartner in der EU.
Der achtwöchige Lockdown hat die französische Wirtschaft schwer getroffen. Auch die engen Verflechtungen mit Italien und Spanien verschärften die Situation. Die schrittweise Rücknahme der Restriktionen seit Mitte Mai wirkten sich positiv auf die Wirtschaft aus, die Pandemie ist aber keineswegs unter Kontrolle. Die Infektionszahlen steigen wieder kräftig an und erreichen insbesondere in den Metropolen kritische Werte. Von den erneuten Einschränkungen ist bisher hauptsächlich die Gastronomie betroffen. Die Regierung hat bereits größere Menschenansammlungen wieder verboten. Weitere Einschränkungen sind zu erwarten, wobei selbst ein zweiter Lockdown nicht auszuschließen ist.
Die Staatsverschuldung lag bereits 2019 bei 98 Prozent vom BIP, das Haushaltsdefizit bei drei Prozent. Trotzdem ist es der Regierung mit umfassenden Schutzmaßnahmen gelungen, den Anstieg der Insolvenzen und der Arbeitslosigkeit zu begrenzen. Das jüngst beschlossene Konjunkturpaket France Relance besitzt ein Volumen von 100 Milliarden Euro, 40 Milliarden Euro davon stammen aus dem EU-Krisenpaket. Bis 2022 soll die Wirtschaftsleistung wieder das Vorkrisenniveau erreichen. Im Fokus steht dabei auch die Steigerung der Nachhaltigkeit. Wesentliche Investitionssummen sollen die Gebäudeeffizienz erhöhen, wovon private Renovierer, Klein- und Mittelstandsunternehmen aber auch öffentliche Gebäude und Sozialwohnungen profitieren sollen.
Kostensteigerungen belasten Bauindustrie
Während des Lockdowns haben auch die Baustellen meist stillgestanden oder waren massiv von gestörten Lieferketten betroffen. Das Statistikamt Insee meldete für April einen Rückgang der Bauleistungen um über sechzig Prozent, im Mai verringerte sich dies auf knapp die Hälfte und im Juni lag der Wert immer noch fast ein Drittel unter den üblichen Vergleichszahlen.
Die Wohnbauinvestitionen werden laut der von Euroconstruct-Experten im Juni veröffentlichten Prognose in diesem Jahr um knapp 15 Prozent auf 94 Milliarden Euro fallen. Dies ist nicht ganz so stark wie ursprünglich prognostiziert, dafür dürfte aber die Erholungskurve flacher verlaufen. Auch nach zehnprozentigen Steigerungen im nächsten und weiteren 1,2 Prozent im übernächsten Jahr wird mittelfristig das Bauvolumen von 2019 in Höhe von 110 Milliarden Euro nicht wieder erreicht werden. Der Rückgang im Wohnungsneubau fällt geringer aus als bei den Renovierungen.
Der Rückgang der Baugenehmigungen um fast ein Viertel in diesem Jahr wird durch die erwarteten Zuwächse in 2021 und 2022 wieder kompensiert, da der Wohnraumbedarf weiterhin hoch sein wird. Mit rund 414 000 fertiggestellten Wohnungen bleibt der diesjährige Rückgang mit 1,4 Prozent noch überschaubar. Der eigentliche Einbruch wird voraussichtlich im nächsten Jahr mit 341 000 Wohnungen erfolgen, bevor 2022 die Fertigstellungszahl von 2019 schon fast wieder erreicht werden wird. Die äußerst dynamische Wohnbauentwicklung der letzten Jahre bekommt durch Corona zwar einen kräftigen Dämpfer, eine Trendumkehr wird aber bisher nicht erwartet. Vergleicht man die Fertigstellungen in Frankreich (6,2 Wohnungen pro 1 000 Einwohner) mit denen Deutschlands (3,4), fällt auf, dass bei unserem Nachbarn traditionell mehr Wohnraum geschaffen wird als bei uns. Dies gilt im Eigenheimbau und Geschosswohnbau gleichermaßen. Die Eigentumsquote ist in Frankreich mit fast 58 Prozent ebenfalls deutlich höher als bei uns (45 Prozent).
Im Nichtwohnbau wird für dieses Jahr ein Rückgang der Bauleistungen um zwölf Prozent auf 28,7 Milliarden Euro erwartet. Im Juni prognostizierten die Euroconstruct-Experten für das nächste Jahr noch einen erneuten Rückgang und eine Erholung erst für 2022. Die Augustprognose wurde von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in den beiden Sommermonaten deutlich beeinflusst, nun wird bereits für 2021 ein Wiederanstieg um 8,7 Prozent erwartet. Diese extreme Revision zeigt deutlich, wie sensibel gerade der Wirtschaftsbau reagiert – was sich auch wieder in die andere Richtung ändern kann.
Handel in der Nachbarschaft
Frankreich ist eine sehr offene Volkwirtschaft, hat aber in den letzten zwanzig Jahren nur einmal einen Außenhandelsüberschuss erwirtschaftet. 2019 betrug das Außenhandelsdefizit 73,5 Milliarden Euro. Deutschland ist dabei der wichtigste Handelspartner. Knapp 18 Prozent der Importe kommen aus Deutschland, als weitere wichtige Lieferländer folgen Belgien, Italien, die Niederlande und Spanien. Die meisten Exporte, fast ein Siebtel, gehen nach Deutschland. Weitere Wichtigste Absatzmärkte sind die USA, Italien, Spanien und Belgien.
Nach Angaben von Eurostat importierte Frankreich im vergangenen Jahr Schlösser und Beschläge für rund 1,8 Milliarden Euro. Hauptherkunftsland war Deutschland mit Waren im Wert von 375 Millionen Euro, mit +0,4 Prozent nur geringfügig mehr als 2018. Die USA lieferten Schlösser und Beschläge im Wert von 339 Millionen Euro. Nach extremen Steigerungen in den letzten beiden Jahren hat sich dieser Wert in der vergangenen Dekade damit fast verzwanzigfacht. Auf Platz drei lag China mit 195 Millionen Euro, was ebenfalls mehr als eine Verdoppelung in den letzten zehn Jahren bedeutet. Mit nur sehr geringem Abstand folgten Italien und etwas weiter dahinter Spanien. Der in der Grafik deutlich zu sehenden Anteilsgewinn der übrigen EU-Länder resultiert aus dem relativen Bedeutungsgewinn von Lieferanten aus Österreich, Tschechien und Polen.
Frankreich lag lange Zeit hinter Polen auf dem zweiten Rang deutscher Abnehmerländer für Schlösser und Beschläge, hat diese Position jedoch bereits 2016 an China abtreten müssen. Das bedeutet, dass derzeit gut sieben Prozent der deutschen Schloss- und Beschlagexporte nach Frankreich gehen. Auch wenn Deutschland für französische Schloss- und Beschlaghersteller der wichtigste Auslandsmarkt ist, haben deutsche Händler und Verarbeiter lediglich 3,2 Prozent der gesamten Schloss- und Beschlagimporte von dort bezogen, was zuletzt rund 108 Millionen Euro entsprach.
Der deutsche Export von Baubeschlägen nach Frankreich hat in den letzten zehn Jahren von 155 Millionen Euro in 2009 auf 216 Millionen Euro in 2019 fast vierzig Prozent zulegen können. Nach vier Jahren kontinuierlicher Steigerung folgte im vergangenen Jahr mit -0,7 Prozent bereits ein geringer Rückgang. Die wichtigsten Einzelpositionen im Baubereich waren 2019 Fensterbeschläge (66,1 Millionen Euro), Türschließer (24,2 Millionen Euro) und Türbeschläge mit 22,1 Millionen Euro. Bänder und Scharniere sowie Schließzylinder lagen knapp dahinter.
Die Corona-bedingten Nachfrageausfälle werden sofort offensichtlich, wenn man im laufenden Jahr die Monatswerte betrachtet: Nach einem guten Jahresbeginn betrugen bereits im März die Exportrückgänge rund ein Viertel, bevor sich der Wert im April gegenüber dem Vorjahr fast halbierte. In den beiden Folgemonaten Mai und Juni wurden die Exportlücken bereits kleiner, im Juli konnte das Vorjahresergebnis schon fast wieder erreicht werden.
Auf das 1. Halbjahr 2020 betrachtet, lagen die Schloss- und Beschlagexporte nach Frankreich im Baubereich rund 18 Prozent unter dem Vorjahreszeitraum, im Möbelbereich 29 Prozent und im Kfz-Bereich sogar 36 Prozent. Von Entwarnung kann daher noch keine Rede sein, zumal die Gefahren eines zweiten Lockdowns derzeit wieder steigen.
Der Autor

ist stellvertretender Geschäftsführer im Fachverband Schloss- und Beschlagindustrie e.V. in Velbert (E-Mail: koch@fvsb.de ).