Schwinn-Gesschäftsführer Oliver Hoffmann.
Schwinn-Gesschäftsführer Oliver Hoffmann. (Quelle: Schwinn)

Beschlag- und Sicherheitstechnik 2020-09-24T22:00:00Z Es geht weiter

Seit Januar 2020 das Plan-Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung, im April der Shutdown wegen der Corona-Pandemie – doppelt hart für die Schwinn Beschläge GmbH. Ein Grund aufzugeben, sei das aber nicht, meint Geschäftsführer Oliver Hoffmann. Gemeinsam mit Rechtsanwalt Ole Brauer von der Elsässer Restrukturierung GmbH, München, managt er die Geschäfte des Zierbeschlagherstellers während des Restrukturierungsverfahrens.

Im Interview mit dem Schloss+Beschlagmarkt erläutert Hoffmann die Gründe für die Insolvenz, berichtet, wie das Unternehmen bisher durch das Jahr 2020 gekommen ist und skizziert, wie es weitergeht.

Herr Hoffmann, die Schwinn Beschläge geht zurück auf die 1932 von Peter Schwinn in Ober-Ramstadt gegründete Kunstharzdreherei. Was zeichnet das Unternehmen heute aus und inwiefern verpflichtet dieses Erbe?

Schwinn versteht sich als designorientierter Komplettanbieter für Möbelaccessoires aus Stahl, Kunststoff und Zinkdruckguss. Wir sind Systemlieferant, Entwicklungspartner und Problemlöser für die Küchen-, Bad- und Wohnmöbelindustrie weltweit sowie für den Fachhandel. Von der Produkt- und Designentwicklung über den Werkzeugbau und die Produktion bis hin zur vielfältigen Oberflächenveredelung und Montage bekommt der Kunde bei Schwinn alles aus einer Hand. Was wir aus unserer Unternehmensgeschichte immer mitgenommen haben, ist die hohe Designaffinität bei Möbelgriffen und -knöpfen. 100 neue Werkzeuge in den letzten 15 Monaten, jedes Jahr eine neue Kollektion und für Design und Konstruktion je eine eigene Abteilung – das zeigt, auf welchem Niveau wir in Sachen kundenindividueller Exklusiventwicklungen unterwegs sind.

Insolvenz in Eigenverwaltung und Corona-Krise. Wie ist das Jahr 2020 mit der doppelten Herausforderung bisher verlaufen für Schwinn? Nach dem Shutdown im April haben wir am 4. Mai die Kunststoffproduktion in Ober-Ramstadt bis zu 60 Prozent wieder hochgefahren. Logistik, Versand und Warenannahme haben voll gearbeitet. Die Produktion in Polen lief in der Zwischenzeit uneingeschränkt weiter. Waren aus China erreichten uns per Luft- und Seefracht. Wir waren also durchweg handlungsfähig, konnten produzieren und liefern, ob aus Europa oder Asien.

Natürlich haben wir auch die Auftragsrückgänge zu spüren bekommen, die sich in Folge der Schließung der Möbelhäuser in ganz Europa ergaben. Trotzdem konnten wir den für die Monate April bis August jeweils anvisierten Umsatz erreichen. Geholfen hat uns dabei, dass einige Kunden vor allem im April aus Kulanz trotzdem Griffe, Knöpfe, Möbelfüße und Haken anliefern ließen.

Wie stellt sich Ihre Situation aktuell dar?

Zurzeit nehmen wir für den Standort Ober-Ramstadt noch Kurzarbeitergeld in Anspruch. Die Produktion Kunststoff, der Innen- und Außendienst arbeiten weiter mit einer Auslastung von rund 60 Prozent, die Bereiche Versand, Warenannahme und Logistik zu 100 Prozent, sodass wir ohne Einschränkungen lieferfähig sind. Das Werk in Polen ist von der Kurzarbeit nicht betroffen, die Zamak-Produktion läuft auf Hochtouren. Gleiches gilt für die Zulieferbetriebe in China. Der Warenzulauf von dort per Schiff und bei Bedarf per Luftfracht hat sich nach der Wiederöffnung der Fabriken und der Transportwege normalisiert.

Die Produtkionshalle von Schwinn in Ober-Ramstadt.
Die Produtkionshalle von Schwinn in Ober-Ramstadt. (Quelle: Schwinn)

In einer Pressemeldung geben Sie organisatorische Probleme im polnischen Werk in Krakau als eine wesentliche Ursache für die Insolvenz an. Warum hatten diese Probleme solche Ausmaße, dass Sie einen Insolvenzantrag stellen mussten? Als Spezialist haben wir ein Produktprogramm, das in die Tiefe geht. Die Organisation des Durchlaufes dieser rund 1500 verschiedenen Artikel und der Faktor Mensch stellten sich bei Ausbau der Produktion in Polen als große Herausforderungen dar. So konnten wir die sehr gute Auftragslage 2019 mit hohen Auftragsbeständen leider nicht mit der nachgefragten Zamak-Ware abdecken. Die fehlenden Umsätze brachten uns in Liquiditätsschwierigkeiten. Der Gang zum Insolvenzgericht am 19. Dezember 2019 war für eine Sanierung in Eigenverwaltung nach § 270 ff Insolvenzordnung für uns alternativlos, zumal wir durchweg willens und auch in der Lage waren, unsere Geschäftsbeziehungen wettbewerbsfähig fortzuführen. Dahinter stand und steht die Überzeugung, dass wir das Unternehmen aus eigener Kraft zügig auf die veränderten Marktbedingungen und Erfordernisse anpassen und nachhaltig sanieren können.

Welche weiteren Maßnahmen werden – nach der Schließung des Standortes Weimar und der Verlagerung der Zamak-Produktion nach Polen – derzeit ergriffen?

Oberstes Ziel ist es, das Geschäft anzukurbeln, Aufträge zu gewinnen und lieferfähig zu bleiben. Darum gehen wir offensiv vor. So haben wir uns zum Beispiel im Februar ganz bewusst für eine Teilnahme an der ZOW entschieden. Vor allem mit längenunabhängigen Stangengriffen konnten wir unsere Aktivitäten im Geschäftsbereich Küche verstärken. Investitionen in Krakau – in Summe 2,8 Millionen Euro – sollen die Lieferfähigkeit verbessern. Über 700 Artikel, die wir in Polen herstellen, haben wir in unserem neuen Workbook „Made in Europe“ zusammengefasst. Diese können wir derzeit innerhalb von maximal acht Wochen liefern.

Apropos „Workbook“: Im gleichen Layout wie Ihre „Moodbooks“ zeigt es nicht nur die Designkompetenz, die Sie in Ihrem Haus vereinen. Erstmals steckt auch ein strategischer Schachzug dahinter, richtig?

Ja, genau. Mit der Griffkollektion im „Workbook“ zeigen wir unseren Kunden planungssichere Alternativen zu den Beschaffungsketten aus Asien auf. Zumindest bei den in Europa produzierenden Möbel- und Geräteherstellern rechnen wir nach den Erfahrungen aus dem Frühjahr 2020 mit einer Rückbesinnung auf näherliegende Zuliefererbetriebe.

„Die Geschäftsführer zeigen sich zuversichtlich, über eines der vielen Sanierungsszenarien den Möbelzulieferer wieder auf solide Füße stellen zu können“, heißt es in der Pressemitteilung vom 14. Januar 2020. Welche Szenarien haben sich bis jetzt (Anfang Oktober 2020) ergeben, welches ist das Wahrscheinlichste und welches favorisieren Sie? Von den anfangs entwickelten Sanierungsszenarien haben sich nun einige wenige herauskristallisiert, mit denen wir die Betriebsfortführung für das Unternehmen positiv gestalten können. Die bereits vor Eröffnung des Verfahrens begonnene Investorensuche ist zwischenzeitlich so weit vorangeschritten, dass eine Übernahme des Unternehmens konkrete Züge angenommen hat. Wir verhandeln derzeit noch mit einer Auswahl Interessenten und gehen von einer Übernahme spätestens zum Jahreswechsel aus. Noch sind die Verhandlungen aber nicht abgeschlossen oder gar entsprechende Verträge unterzeichnet, so dass wir noch nicht sagen können, welcher der Investoren den Zuschlag bekommt und welche weiteren Maßnahmen ergriffen werden.

Inwieweit hat Corona die Pläne und ihre Umsetzung durchkreuzt?

Ursprünglich hatten wir geplant, das Unternehmen im Mai 2020 per Asset-Deal aus der Insolvenz zu übertragen. Vier Investoren hatten dazu bereits Konzepte vorgelegt, ihre Entscheidung aber aufgeschoben, da die Beurteilung der Absatzlage schwierig war. So haben wir es jetzt mit einem Zeitverzug von circa sechs Monaten zu tun. Im Moment peilen wir den 1. Januar 2021 als Übertragungsdatum an.

zuletzt editiert am 19. November 2020
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