Die Corona-Krise zeigt aktuell sehr deutlich, wie wichtig es vor allem für ältere Menschen sein kann, möglichst lange im eigenen Zuhause leben zu können. Sie bestimmen selbst über ihr Leben, wem sie begegnen und versorgen sich unabhängig. Das Infektionsrisiko können sie so auf ein Minimum beschränken. Unterstützung kann in modernen Smart Homes von der Technik kommen, die in vielen Situation den Alltag einfacher macht.
Wenn in den nächsten Jahren die Babyboomer ins Rentenalter kommen, ist nicht nur die Zahl der „Silver Ager“ hoch, sondern auch ihre Mobilität. Viele von ihnen sind geistig und körperlich fit, wohlhabend und fühlen sich deutlich jünger als es die Jahreszahl im Personalausweis erkennen lässt. Nicht nur diese Gruppe, sondern generell wollen Menschen solange wie möglich selbständig in den eigenen vier Wänden leben. Und die technische Entwicklung macht es heute auch möglich diesen Wunsch zu erfüllen.
So sind denn auch viele ältere Menschen lange erstaunlich fit und unabhängig. Doch früher oder später ändert sich dieser Zustand. Es schleichen sich die ersten „Zipperlein“ ein. Aus den „jungen Alten“ werden nun doch betagtere ältere Menschen, die so ab etwa 75 Jahren in ein „zweites Alter“ eintreten, in dem sie mehr und mehr Hilfe benötigen, weil Kräfte und Beweglichkeit nachlassen oder sich chronische Erkrankungen einstellen. Spätestens jetzt sind Großeltern, Eltern und Kinder dankbar, wenn man gemeinsam vorgebeugt hat. Einmal abgesehen von Vorsorge- und Patientenvollmachten ist es wichtig das eigene Zuhause rechtzeitig auf diese Situation vorbereitet zu haben.
Barrierefreiheit und smarte Helferlein helfen hier, dass die Betroffenen in ihrer gewohnten Umgebung keine Abstriche bei Komfort und Lebensqualität machen müssen. Dies gilt insbesondere dann, wenn das sogenannte „dritte Alter“, meist ab 85 Jahren, eintritt. Die letzte Phase des Lebens ist häufig von einem zunehmend kleineren Aktionsradius und immer mehr Einschränkungen bestimmt. Der Lebensmittelpunkt verlagert sich nach drinnen, das Thema einer häuslichen Pflege rückt näher. In Deutschland sind derzeit rund 3,3 Millionen Menschen pflegebedürftig, davon werden etwa 2,5 Millionen zuhause betreut.
Wo zwickt es?
Erste Schritt für eine längere Verweildauer in der eigenen Wohnung ist deren Barrierefreiheit. Das KfW-Förderprogramm „Altersgerecht umbauen“ fördert die barrierefreie bauliche Ausstattung von Neu- und Altbauten, zudem Einbau oder Erweiterung von baugebundenen altersgerechten Assistenzsystemen (zum Beispiel Bedienungs- und Antriebssysteme für Türen, Rollläden, Fenster, Türkommunikation, Beleuchtung, Heizung- und Klimatechnik), von Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik, die Integration von baugebundenen Not-, Ruf- und Unterstützungssystemen (zum Beispiel Panikschalter, Geräteabschaltung, Sturz- und Bewegungsmelder, intelligente Türschlösser). Entscheidend für die Wohnqualität im Alter und auch in deutlich jüngeren Jahren sind vorausschauende Planung und Bauherren, die langfristig den Komfort ihrer Immobilien in den Fokus rücken.
Hier setzen auch die Untersuchungen von Professor Birgit Wilkes an, die sich seit über 20 Jahren mit Smart-Home-Systemen beschäftigt. Sie ist seit 2003 Professorin im Studiengang Telematik an der Technischen Hochschule Wildau und seit 2005 Leiterin des Instituts für Gebäudetelematik am Technologie- und Weiterbildungszentrum an der TH Wildau. Im Gespräch mit der Redaktion gibt sie Tipps für den richtigen Umgang der Generationen miteinander.
Was sind die aktuellen Herausforderungen für ältere Menschen, die zu Hause bleiben wollen?
Professor Birgit Wilkes: Es gibt vielfältige Herausforderungen. Zunächst einmal müssen ältere Menschen oder ihre Angehörigen herausfinden, wo sie eine qualifizierte und individuelle Beratung erhalten, die sowohl die Möglichkeiten baulicher Anpassungen als auch technischer Unterstützungssysteme umfasst. Letztere werden oft bei Wohnumfeldberatungen noch nicht genügend abgedeckt. Bei baulichen Maßnahmen wie beispielsweise einem Badumbau sollte versucht werden, vom Vermieter eine Freistellung der Rückbaupflicht zu bekommen. Wird die Wohnung doch irgendwann aufgegeben, müssen sonst alle Veränderungen rückgängig gemacht werden. Das ist ein doppelter finanzieller Aufwand.
Aus gesundheitlicher Sicht sind Schwindel, Vergesslichkeit und Hör- sowie Sehschwächen ein großes Problem. Schwindel ist ein Symptom, das viele Ursachen haben kann. Er führt zu erhöhter Sturzgefahr, kann aber auch dazu führen, dass Betroffene beispielsweise beim Putzen das Gleichgewicht verlieren und dann auf dem Boden sitzen und – teilweise für Stunden – nicht mehr hochkommen. Der zweite Fall ist wesentlich häufiger.
Was kann jeder Einzelne selber tun, um im Alter zu Hause autark zu bleiben?
Am besten ist es, sich über mögliche Hilfen im Alter zu informieren, bevor es zu Altersproblemen oder gar zu Unfällen kommt. In vielen Gegenden Deutschlands gibt es schon Musterwohnungen für altersgerechtes Wohnen. Dort kann man sich informieren, viele Hilfen ansehen und auch selbst ausprobieren. Gerade Wohneigentum sollte auch von jüngeren Menschen so gestaltet werden, dass es auch im Alter gut nutzbar und hilfreich ist. Eine bodengleiche Dusche sieht sehr gut aus und ist auch für Kinder einfacher zu nutzen. Auch technische Hilfen sind für jüngere Menschen einfach komfortabel, während sie für ältere hilfreich sind.
Welche Lösungen gibt es heute bereits, die sich mit geringem Aufwand umsetzen lassen?
Gerade technische Hilfen lassen sich recht leicht umsetzen. Lichtwege durch die Wohnung, die mit einem Schalter oder auch Bewegungsmeldern geschaltet werden können sind besonders nachts sehr hilfreich. Die Adaption der Augen an eine neue Lichtsituation geschieht mit zunehmendem Alter langsamer. Daher haben ältere Menschen bei Helligkeitswechseln das Gefühl, erst einmal schlecht zu sehen. Ein geklebter Funklichtschalter am Bett, der eine bodennahe, gleichmäßige Beleuchtung (z.B. LED-Streifen) bis zum Bad einschaltet, bietet Sicherheit beim Gehen und vermindert die nächtliche Sturzwahrscheinlichkeit deutlich. Ist der Bewohner wieder zurück an seinem Bett, drückt er den Funkschalter ein zweites Mal und das Licht ist wieder aus.
Als hilfreich und sehr beruhigend werden auch sogenannte „Alles-aus-Schalter“ empfunden. Dabei handelt es sich ebenfalls um einen Funkschalter, der am Bett angebracht werden kann und alle vom Nutzer definierten Geräte, Steckdosen und Lampen mit einem Schalterdruck ausschaltet. Als letzte Aktion vor dem Einschlafen ist der Bewohner sicher, dass er nichts vergessen hat auszuschalten. Auch am Ausgang der Wohnung ist ein solcher „Alles-aus-Schalter“ nützlich. Besonders alleinlebende Menschen bevorzugen hier eine Hotelcard-Schalter. Wird die Karte gezogen, sind alle Geräte und Lampen aus. Ist der Bewohner unterwegs und ist nicht sicher, ob er den Herd ausgeschaltet hat, gibt ihm die Karte in der Tasche Sicherheit.
Als dritte nützliche Anwendung ist die automatische Herdabschaltung zu nennen. Moderne Herdabschaltungen werden an der Wand über dem Herd angebracht und überwachen, ob Herdplatten angeschaltet sind und ob sich ein Mensch innerhalb einer bestimmten, einstellbaren Zeit (zum Beispiel einer halben Stunde) vor dem Herd bewegt. Sollte sich innerhalb dieser Zeit niemand vor dem Herd bewegen, könnte er vergessen worden sein und er gibt einen akustischen Alarm. Kommt auch nach dem Alarm niemand zum Herd, werden die Kochplatten abgeschaltet.
Es gibt noch viele weitere Beispiele für einfach zu installierende Hilfsmittel in der Wohnung. Sie sollten individuell, je nach persönlicher Vorliebe und Problemstellung ausgewählt werden.
Welche Lösungen gibt es im mehrgeschossigen Mietwohnungsbau?
Alle Lösungen stehen für den mehrgeschossigen Bestandsbau zur Verfügung. In Bestandsbauten werden meist funkbasierte Systeme verwendet, während im Neubau auch Kabel eingesetzt werden, die dann mit Funk ergänzt werden.
Welche Lösungen gibt es für das Einfamilienhaus?
Die Lösungen sind grundsätzlich gleich. Da es sich bei Einfamilienhäusern meist um Eigentum handelt, sind mehr Freiheiten bei eventuellen Umbauten gegeben.
Welche Systeme lassen sich nachrüsten?
Die oben erwähnten Lösungen lassen sich alle nachrüsten.
Welche Lösungen erwarten Sie für die nächsten zehn Jahre, wenn die Babyboomer in Rente gehen?
Technische Lösungen gibt es schon sehr viele und zum Teil auch sehr gute. In den nächsten zehn Jahren erhoffe ich eher tragfähige Geschäftsmodelle und eine Unterstützung für technische Assistenzsysteme auch von Kranken- und Pflegekassen. Denn das Bedürfnis, im eigenen zu Haus alt zu werden ist groß und jeder nicht benötigte Heimplatz spart Kosten.
Wie sieht die Zukunft aus?
Ergänzend zu den Ausführungen von Professor Wilkes zeigt ein Blick in die nahe Zukunft und in ein Land, das wegen seiner Innovationen regelmäßig im Fokus steht, wie sich unser Wohnen smarter machen lässt. Bis 2024 will Singapur in seinem Bestreben eine smarte Nation zu werden auch smarte Technologien beim Wohnen integrieren, die es den Bewohnern ermöglichen ein selbstbestimmtes und komfortables Leben in jedem Alter zu führen. Auf dem Weg dorthin unterstützen Sensoren und smarte Geräte sowie intelligente Systeme den Alltag, wie beispielsweise zur Kontrolle des Wasser- und Energieverbrauchs – wird in einem Haushalt zum Beispiel plötzlich kein Wasser mehr gebraucht, löst es einen Alarm an und zeigt es den Beobachtern an, die ältere Person könnte Hilfe benötigen, weil sie vielleicht gestürzt ist oder krank im Bett liegt. Grundsätzlich werden in diesem Zusammenhang Wohnungen zunehmend mit Sensoren ausgestattet, die den Senioren das Leben komfortabler und sicherer machen.
Telemedizin, Tracker als Apps oder in Kombination mit smarten Uhren und nicht zuletzt auch Pflegeroboter sind allesamt nützliche Tools für ein Leben in nicht so ferner Zukunft, eigenverantwortlich bis ins hohe Alter, so lange nicht gravierende Krankheiten eintreten. Und nicht zuletzt wird die aktuelle Corona-Krise diese vielen kleinen Helferlein im Guten wie im Negativen auch in Europa in den nächsten Jahren in unser normales Leben integrieren.
Professor Birgit Wilkes
Professor Birgit Wilkes beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Smart-Home-Systemen. Sie ist seit 2003 Professorin im Studiengang Telematik an der Technischen Hochschule Wildau und seit 2005 Leiterin des Instituts für Gebäudetelematik am Technologie- und Weiterbildungszentrum an der TH Wildau. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt dabei in der Gebäudetelematik besonders auf den Themen Energieeffizienz, unterstütztes Wohnen (AAL) und e-Health.
Nach ihrem Studium der Informatik arbeitete sie als Projektmanagerin, später als Mitglied der Geschäftsleitung bei der Bercos GmbH in der Entwicklung PC-basierter Audio-/Videokommunikationssysteme. Bereits bei der Deutschen Telekom Berkom, einer Forschungs- und Entwicklungstochter der Deutschen Telekom AG, bei der sie seit 1997 beschäftigt war, verantwortete sie als Bereichsleiterin die Themen Smart Home und Telemedizin. 2001 wechselte sie zur Eutelis Consult GmbH und war als Managing Consultant für die Bereiche Sprach-Daten-Konvergenz und Smart-Home-Services zuständig.
