Die "Ständige Konferenz" 2019 in Frankfurt am Main.
Die "Ständige Konferenz" 2019 in Frankfurt am Main. (Quelle: Redaktion/kosi)

Veranstaltungen 2021-01-07T23:00:00Z Bislang nur ein blaues Auge

Digitaler Austausch – Statt gemeinsam in Bremen hat die alljährliche „Ständige Konferenz“ vom Arbeitskreis Baubeschlag (AKB) im ZHH und vom Fachverband Schloss- und Beschlagindustrie (FVSB) dieses Jahr coronabedingt als Videokonferenz unter den jeweiligen Vorstandsmitgliedern im November stattgefunden. Alle 18 Teilnehmer waren froh, sich unter den derzeitigen Umständen wohlbehalten wenigstens digital zu treffen.

Und vermutlich würden alle, die sonst an der „Ständigen Konferenz“ teilnehmen, den einleitenden Worten von AKB-Sprecher Martin Meesenburg zustimmen, dass der persönliche Kontakt schwierig mittels Videokonferenzen zu ersetzen sei und auch das traditionelle Gänseessen fehlen würde. Dem pflichtete auch FVSB-Vorsitzender Karl Kristian Woelm bei, der dieses Jahr auch mit einer Ente zufrieden gewesen wäre – und spielte damit schelmisch auf das Treffen im Jahr 2018 an. Damit zeigte er auch sogleich an, dass trotz Corona der Industrie der Humor nicht verloren gegangen ist. Die Pandemie hat nach seinen Ausführungen allen Beteiligten immense Umstellungen abverlangt und zu starken Verwerfungen, speziell bei den internationalen Lieferketten, geführt. Dennoch könne man froh sein, in dieser Branche zu arbeiten. Mittels Schichtmodellen und räumlicher Trennung der Arbeitsbereiche konnte die Produktion aufrechterhalten werden. Dennoch kam es nach einem sehr guten 1. Quartal 2020 im April und Mai zu Corona-bedingten massiven Einbrüchen. Doch bereits ab Juni habe eine Erholung eingesetzt, wie Holger Koch, stellvertretender FVSB-Geschäftsführer, schilderte.

Der Verband hat seit Pandemiebeginn vier Umfragen zur Lageeinschätzung unter den Mitgliedern durchgeführt. Aufgrund der Ergebnisse rechnet der Verband damit, dass das Vor-Corona-Produktionsniveau spätestens 2022 wieder erreicht werden kann, mehrheitlich sogar schon früher. Im September 2020 konnte laut Verband die Schloss- und Beschlagindustrie erstmalig wieder das Vorjahresniveau bei den Umsätzen erreichen. Derzeit seien noch knapp 20 Prozent der Unternehmen geringfügig in Kurzarbeit, im Mai waren dies fast 80 Prozent. Ein Drittel der Unternehmen habe seit Beginn der Krise Personal abgebaut oder plant dies noch, wovon die Stammbelegschaft seltener betroffen sei.

Importe stark rückläufig

Wie von Woelm eingangs erwähnt, verlief das 1. Quartal noch gut: 41,6 Prozent der Mitgliedsunternehmen berichteten bei den Befragungen über ein Umsatzwachstum. Doch im 2. Quartal mussten 76,2 Prozent teils starke Einbrüche hinnehmen. Immerhin hätten 38,1 Prozent im 3. Quartal bereits wieder ein Wachstum gemeldet, doch in der Summe läge man noch unter dem Vorjahresniveau. Insgesamt rechnen nach Verbandsangaben 52 Prozent mit einem Rückgang im Geschäftsjahr 2020, 24 Prozent mit einem Wachstum und 24 Prozent mit einer Entwicklung auf Vorjahresniveau. Daher kann man laut Koch nicht von einem Absturz reden, aber es werde eine merkliche Abschwächung beobachtet, vor allem im Auslandsgeschäft.

In Summe habe der Branchenumsatz in den ersten drei Quartalen ein Minus von 10,3 Prozent auf rund 5,3 Milliarden Euro aufgewiesen, und die Produktion sei im 1. Halbjahr um 14,5 Prozent zurückgegangen. Allerdings verlief die Entwicklung im Baubeschlag deutlich gemäßigter als im Kfz- oder Möbelbereich. Im Fensterbereich rechnet man für 2020 mit einem Plus von 0,5 Prozent auf 14,8 Millionen Fenstereinheiten (FE) und für 2021 mit einem Minus von 0,6 Prozent auf weiterhin 14,8 Millionen FE. Für Außentüren (AT) rechnen die Heinze-Studienautoren mit einem Zuwachs von 1,3 Prozent auf 1,48 Millionen AT in 2020 und von 1,2 Prozent auf 1,5 Millionen AT in diesem Jahr. Die inländische, relativ krisenfeste Baubranche und die anhaltend hohen Baugenehmigungszahlen stimmen Koch optimistisch auf eine gute Auftragslage in den nächsten Jahren – was international anders aussieht: Das europäische Bauvolumen hat gegenüber dem Vorjahr um 11,5 Prozent verloren. Für die folgenden Jahre rechnet man nur mit einer Teil-Erholung (2021: plus sechs Prozent, 2022: plus 3,5 Prozent). Seit 2013 ist das Auslandsgeschäft der Schloss- und Beschlagindustrie im Baubeschlag beständig gewachsen. Corona sorge nun mit minus 10,4 Prozent für einen deutlichen Knick. Auch die Importe nach Deutschland seien mit minus 6,1 Prozent stark rückläufig.

„Dennoch ist unsere Branche wie der Baubereich insgesamt mit einem blauen Auge davongekommen“, brachte FVSB-Geschäftsführer Stephan Schmidt das Zahlenwerk auf den Punkt. Allerdings sei fraglich, was danach komme. Er rechnet mit weiteren konjunkturellen Dellen aufgrund der Krise im Gastro- und Hotelgewerbe sowie im Bürobau.

Wachstum im Fachhandel

Trotz Corona und den Folgen für alle Unternehmen ist der Fachhandel laut Meesenburg optimistisch, das laufende Jahr mit einem kleinen Plus abschließen zu können. Und weil das Handwerk für die nächsten Monate voll ausgelastet sei, werde für das Jahr 2021 mit weiterem Wachstum gerechnet – vorausgesetzt, dass es keinen Lockdown wie im Frühjahr 2020 mehr gebe. Die Zahlen dazu präsentierte AKB-Geschäftsführer Niklas Schulte. Demnach hat die Pandemie den Produktionsverbindungshandel (PVH) nach einem guten 1. Quartal ebenfalls je nach Sortimentsschwerpunkt unterschiedlich hart getroffen. Speziell Fachhändler, die in erster Linie an Industriekunden liefern, mussten teilweise im ersten Lockdown Umsatzeinbrüche von über 20 Prozent verkraften. Auch wenn die Einführung der notwendigen Corona-Maßnahmen die gewohnten Abläufe durcheinander brachten, sorgte die unverminderte und uneingeschränkte Tätigkeit der Verarbeiter dafür, dass die Nachfrage im Baubeschlag-PVH nicht massiv einbrach. Zudem soll der stationäre Fachhandel von seiner Lagerhaltung und den Einschränkungen im internationalen Warenverkehr deutlich profitiert haben, da viele sich auf lokale Bezugsquellen besonnen hätten.

Unter Lieferverzögerungen hatten im Mai mehr als zwei Drittel der Fachhändler zu leiden. Obwohl hier die Zahl der Betroffenen auf unter 30 Prozent gesenkt worden sei, würden immer noch viele Baubeschlag-Fachhändler über eine verminderte Warenversorgung durch die Hauptlieferanten und lange Lieferzeiten, besonders in den Bereichen Fenster- und Türbeschlag, teilweise Möbelbeschlag und Befestigungstechnik klagen. Hier wünscht der Handel – trotz allem Verständnis für die Lage – baldige Besserung, wie Schulte nachdrücklich betonte.

Trotz dieser Verzögerungen stuften bis Mitte des Jahres 73,4 Prozent der befragten Mitglieder ihre Lage als zufriedenstellend und jeweils von 13 Prozent als gut oder schlecht ein. Die Umsatzentwicklung für das 1. Halbjahr 2020 wird über alle Bereiche mit plus 1,2 Prozent beziffert. Das 2. Halbjahr soll ähnlich verlaufen. Der Baubeschlag-Fachhandelprognostiziert für das Geschäftsjahr 2020 ein Wachstum von circa 1,4 Prozent.

Der Bereich Fensterbeschlag lege voraussichtlich um 1,1 Prozent (2019: plus 0,5 Prozent) zu, Türbeschläge um 2,3 Prozent (2019: 3,6 Prozent) und Möbelbeschläge um 1,2 Prozent (2019: minus drei Prozent). Das Plus bei den Bauelementen falle mit 5,6 Prozent fast genauso hoch aus wie im Vorjahr (5,5 Prozent). Services und Dienstleistungen wie Montagen, Facilitymanagement, Konfektionierung, Wartung etc. verbuchen einen Zuwachs von 6,9 Prozent (2019: plus 6,5 Prozent). Dagegen gehen die Umsatzzahlen im Bereich Werkzeuge und Maschinen mit minus 4,2 Prozent (2019: minus 1,2 Prozent) weiterhin zurück. Merklich eingebrochen sei das Umsatzwachstum im Bereich Sicherheitstechnik, von 6,6 Prozent im Jahr 2019 zu 1,6 Prozent im Jahr 2020. Der Grund dafür läge in der Pandemieauswirkung im Objektgeschäft, bei Wartungen sowie im Laden- und Messebau.

Als größte Herausforderung des PVH neben der Überwindung der Corona-Krise nannte Schulte weiterhin die Digitalisierung, Importe aus dem europäischen Ausland, den zunehmenden Preisdruck, den Fachkräftemangel, den Wettbewerb durch Direkt- und branchenfremde Anbieter sowie zusätzliche bürokratische Hürden. Dennoch und aufgrund der gefüllten Auftragsbücher der Verarbeiter geht der Fachhandel von einem Umsatzwachstum von rund zwei Prozent im Jahr 2021 aus.

Nach einer Stunde des Austauschs verabschiedeten sich die Teilnehmer so herzlich wie es digital eben geht, mit Dank für den Austausch und den besten Wünschen für das nächste Jahr mit viel Gesundheit und Kraft. Vermutlich waren diese Bekundungen selten so ernst und herzlich gemeint wie in dem zu Neige gehenden Jahr 2020. Die nächste „Ständige Konferenz“ findet hoffentlich nicht digital, sondern – so die Planung – in Bremen am 9./10. November statt.

zuletzt editiert am 06. Januar 2021
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