Die zentralen Themen im diesjährigen physischen Sicherheitsmarkt sind künstliche Intelligenz, Gesichtserkennung, physisches Identitätsmanagement, Blockchain und Cybersecurity. Das hat Genetec, einer der nach eigenen Angaben führenden Technologie-Anbieter für zentrales Sicherheitsmanagement, öffentliche Sicherheit und Business Intelligence, zu Jahresbeginn behauptet. Die Redaktion hat ein halbes Jahr – und eine unvorhersehbare Corona-Krise – später nachgefragt, was von der Prognose noch stimmt.
Obwohl Künstliche Intelligenz (KI) zu einem alltäglichen Begriff geworden ist, ist die Technologie noch weit von einem alltäglichen Einsatz entfernt. Trotz großer Fortschritte sind Computer noch nicht in der Lage, wie Menschen zu denken oder zu handeln. Allerdings können sie bereits enorme Datenmengen analysieren und ermöglichen damit tiefere Einblicke, so dass Nutzer anschließend schneller und effizienter fundierte Entscheidungen treffen können.
Anfang des Jahres hat Genetec enorme Fortschritte im Bereich Machine Learning für den Sicherheitssektor prophezeit. Mithilfe von Trendprognosen für Kriminalität sollten Städte und Strafverfolgungsbehörden künftig ihre Ressourcen effizienter einsetzen können. Auch Lösungen für automatische Nummernschilderkennung würden davon profitieren. Kfz-Kennzeichen oder auch das jeweilige Land könne deutlich besser erkannt und Fehllesungen vom System zurückgewiesen werden.
Gesichtserkennung und Privatsphäre
Der Einsatz von Gesichtserkennung und ähnlicher Analyseverfahren zur individuellen Identifizierung und Erfassung von Bewegungsabläufen spaltet weiterhin die Gesellschaft. Während die einen solche Systeme als leistungsfähige Möglichkeit sehen, effizient die Sicherheit zu erhöhen, halten andere diese für übergriffig. 2020 wird es darauf ankommen, dass Entwickler gemeinsam mit den Regulierungsbehörden zusammenarbeiten, während sie die Lösungen weiter verbessern und versuchen, mögliche Vorurteile abzubauen – so die Voraussage des Unternehmens zu Jahresbeginn. Demnach könnten Systeme, die nach dem „Privacy-by-Design“-Ansatz entwickelt werden, Bedenken weiter abbauen und den Datenschutz erhöhen.

Ferner: Unternehmen jeder Größe nutzen Zutrittskontrollsysteme, um ihre Standorte und Einrichtungen zu schützen. Ohne umfangreiches Budget dafür, müssen sich viele Firmen laut Genetec auf intransparente Lösungen mit kaum nachvollziehbaren Prozessen verlassen. Doch 2020 sollen vermehrt Out-of-the-Box-Lösungen verfügbar sein, so dass auch kleine und mittlere Unternehmen auf Cloud-basierte Identitätsmanagement-Lösungen umsteigen könnten. Diese Lösungen für physisches Identitäts- und Zutrittsmanagement (PIAM = Physical Identity and Access Management) seien preisgünstiger und erlaubten eine effiziente Verwaltung der Zutrittsrechte basierend auf der individuellen Identität und den Sicherheitsrichtlinien des Unternehmens. So könne der autorisierte Zutritt sichergestellt werden. Gleichzeitig ließen sich die Prozesse einfacher verwalten und automatisieren.
Besserer Datenschutz durch Blockchain
Blockchain ist im Wesentlichen eine nicht-destruktive Methode, um Datenänderungen in einem bestimmten Zeitraum nachzuvollziehen. In der Sicherheitstechnik kommt Blockchain-Technologie zum Einsatz, um Manipulationen von Beweismaterial wie Video- und Zutrittsdaten oder von Identitätsmanagementsystemen zu verhindern. Die Blockchain dokumentiert jegliche Interaktion mit einer digitalen Datei, kann so Manipulationen offenlegen und Informationen bereitstellen, wann und wo eine Datei manipuliert wurde. Die Technologie sei damit ein extrem leistungsstarkes Instrument, um Manipulationen von Sicherheitsdaten auszuschließen oder lückenlose, rechtssichere Beweisketten zu liefern.
Einige globale Unternehmen und Konzerne setzen die Technologie bereits heute ein, um ihre Sicherheitssysteme zu untermauern. Mit zunehmender Verbreitung der Blockchain-Technologie, werden mehr und mehr Unternehmen die Integrität ihrer Betriebs- und Sicherheitsdaten mit solchen Lösungen schützen.
Cybersicherheit bleibt auch 2020 ein zentrales Thema für den physischen Sicherheitsmarkt, prognostizierte Genetec Anfang des Jahres. Unternehmen, die mehr Daten sammeln, müssten mehr Daten schützen. Leitungsorgane und verantwortungsvolle Hersteller würden bereits mit Wissenschaftlern, Technologieexperten, Bürgerrechtlern und Branchenführern zusammenarbeiten, um den Einsatz potenziell invasiver Technologien zu regulieren, einschließlich der dafür erforderlichen Prozesse zum Schutz vor Datenverlusten. Diese Partnerschaften würden in 2020 weiter ausgebaut. Gleichzeitig würden Hersteller von Sicherheitssystemen auch massiv in Cybersicherheit investieren müssen, um Schutzmaßnahmen standardisiert in ihre Produkte zu integrieren. Die Herausforderung werde darin bestehen, Sicherheit zu maximieren und gleichzeitig die Privatsphäre und Rechte des Individuums zu schützen.
Die Schloss+Beschlagmarkt-Redaktion hat bei Genertec nach gefragt, was von der Prognose jetzt noch (oder gerade jetzt) zutrifft. Geantwortet hat Kay Ohse, Country-Manager D/A/CH-Region und ECE (East Central Europe).
Hat sich an diesen Trends etwas aufgrund von Corona verändert? Wenn ja, inwieweit beziehungsweise was genau?

Kay Ohse: An den zu Jahresbeginn aufgestellten Trendprognosen hat sich im Großen und Ganzen nichts geändert. Wir merken aber, dass der Markt auf die Corona-Krise reagiert. Bei Genetec haben wir einige Lösungen so adaptiert, dass sie Unternehmen, Behörden und Einrichtungen dabei unterstützen können, die Ausbreitung der Pandemie bestmöglich einzudämmen. Ein Beispiel ist der „Contaminant Proximity Report“ (siehe Kasten Seite 12). Dabei handelt es sich um ein Reporting-Feature unserer Zutrittskontrolllösung „Synergis“, das wir allen Synergis-Kunden kostenfrei zur Verfügung stellen. Die Lösung identifiziert gefährdete Personen, die Türen beziehungsweise Zutrittskontrollpunkte passiert haben, die zuvor auch von einer infizierten Person genutzt wurden.
Unabhängig von Corona: Sehen Sie sich – ein halbes Jahr nach Veröffentlichung der Trends in Ihrer Einschätzung bestätigt?
Die von uns zu Jahresbeginn aufstellten Trendthemen für das Jahr 2020 haben sich aus unserer Sicht bislang absolut bestätigt.
Ein Beispiel ist die „künstliche Intelligenz“. Zahlreiche Unternehmen werben mit intelligenten, selbstlernenden Systemen und wecken damit bei Kunden und Öffentlichkeit Erwartungen, die mit dem heutigen Stand der Technik nicht umsetzbar sind. Genetec arbeitet seit Jahren an der Implementierung intelligenter Features wie Machine Learning und Deep Learning. Sie helfen unseren Kunden dabei, große Datenmengen auszuwerten und so Betriebsprozesse zu verbessern, redundante Aktionen zu reduzieren und damit Geld und Ressourcen einzusparen. Allerdings handelt es sich bei diesen Features nicht um vollständig selbstlernende Systeme. Sie müssen zu Beginn mit großen Datenmengen trainiert werden. Ein solches System nutzen wir für unsere automatische Nummernschilderkennungslösung „AutoVu“. Das System lernt anhand großer Bilddatenmengen, wie es Autos von Personen unterscheiden kann und wann eine Bewegung ein Mensch oder nur ein Baum im Wind ist.
Welche Bedeutung hat der Gesetzgeber im Bereich des physischen Sicherheitsmarktes?
Der Gesetzgeber hat eine zentrale Bedeutung für den physischen Sicherheitsmarkt. In Deutschland müssen Unternehmen und Organisationen viele Vorgaben einhalten, um ihre physische Sicherheitsinfrastruktur nutzen zu können. Wir stehen unseren Kunden hier beratend zur Seite, um einen gesetzeskonformen Betrieb sicherzustellen. Die Genetec-Lösungen sind der Gesetzgebung sogar oftmals einen Schritt voraus. Unser Videomanagementsystem „Omnicast“ war beispielsweise die erste Videoüberwachungslösung mit einer dynamischen Verpixelung, die mit dem europäischen Datenschutzsiegel (EuroPriSe) ausgezeichnet und bereits zum achten Mal rezertifiziert wurde – und das lange vor der Einführung der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO).
Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Was wird es voraussichtlich in zehn Jahren häufig geben, was heute nur vereinzelt vorkommt im Bereich der physischen Sicherheit? Und was wird es 2030 wohl nicht mehr (häufig) geben, was heute noch üblich ist?
Viele Unternehmen setzen heute bei ihrer Sicherheitsinfrastruktur noch auf Insellösungen. Da gibt es autarke Systeme für Videoüberwachung, Zutrittskontrolle, automatische Nummernschilderkennung und so weiter. Diese Systeme werden in den nächsten zehn Jahren stark an Bedeutung verlieren. Wir sehen einen deutlichen Trend in Richtung IP-basierter Lösungen, die alle Sicherheitskomponenten auf einer Oberfläche vereinheitlichen. Damit lassen sich die Features der einzelnen Systeme miteinander vernetzen und so die Sicherheit für Unternehmen nachhaltig erhöhen. Ein Beispiel: Versucht eine unbekannte Person einen gesicherten Bereich zu betreten, schaltet das Sicherheitssystem einen Alarm. Das Security-Personal erhält dann auf einer kartenbasierten Oberfläche des Unternehmensgeländes einen Hinweis und kann mit einem Mausklick die nächstgelegenen Überwachungskameras ansteuern, um sich ein Bild von der Lage zu machen und anschließend mithilfe einer Gegensprechanlage Kontakt zu der Person aufzunehmen. Eskaliert die Situation, kann das Personal in der Leitstelle alle Informationen samt Videomaterial an ihre Kollegen vor Ort weitergeben, die sich so schon vorab einen Überblick verschaffen können. Das alles ist heute schon machbar und wird sich in den kommenden Jahren weiterentwickeln. Ein solches System ist „Genetec Security Center“. Es ermöglicht die zentrale Verwaltung aller Sicherheitskomponenten einer zentralen Leitstelle, auch standortübergreifend.
Ein Punkt, der in den kommenden Jahren deutlich an Relevanz gewinnen wird, ist die Cybersicherheit physischer Sicherheitssysteme. Veraltete Lösungen für Zutrittskontrolle oder Videoüberwachung können modernen Cyberangriffen oft nicht standhalten. Bereits eine veraltete Software oder ein unsicheres Passwort an einer Videoüberwachungskamera reichen aus, um Cyberkriminellen Zugang zum Unternehmensnetzwerk zu gewähren. In vielen Fällen bleiben diese Angriffe auch zunächst unbemerkt. Vereinheitlichte Sicherheitssysteme wie „Genetec Security Center“ unterstützen Nutzer hier aktiv, indem sie auf aktuelle Gefahrenlagen, unsichere Passwörter oder veraltete Firmware aufmerksam machen. In Zukunft wird es essenziell sein, Unternehmen sowohl vor physischen als auch vor Cyberangriffen wirkungsvoll zu schützen.