Das Heiligabendabkommen dürfte insbesondere in Irland für Erleichterung gesorgt haben, verhindert es doch eine harte Grenze zum Nachbarn Nordirland. Im zukünftigen Handel mit dem Vereinigten Königreich werden aber neue Hindernisse durch unterschiedliche Rechtsräume entstehen. Analysten gehen davon aus, dass Lieferanten aus EU-Ländern bei der irischen Industrie an Bedeutung gewinnen werden. Holger Koch, stellvertretender Geschäftsführer des Fachverbandes Schloss- und Beschlagindustrie (FVSB), blickt für den Schloss + Beschlagmarkt auf die grüne Insel.
Nach Lockerungen an den Weihnachtsfeiertagen waren die Corona-Fallzahlen in Irland zum Jahreswechsel sprunghaft angestiegen und Ministerpräsident Micheál Martin verlängerte die Einschränkungen für die rund fünf Millionen Iren bis März. Nach der Rezession im 1. Halbjahr und nach Lockerungen im Sommer meldete das Central Statistics Office für das 3. Quartal 2020 einen BIP-Anstieg gegenüber dem Vorquartal um 11,1 Prozent. Mitte Dezember ging das Forschungsinstitut ESRI daher von einem Wirtschaftswachstum von 3,4 Prozent aus. Die Zentralbank in Dublin hat im Januar ihre Prognose erhöht und rechnet für 2020 mit einem BIP-Wachstum von 2,5 Prozent. Da fast alle anderen Länder an einer Rezession leiden, sorgt das für Skepsis. Erst recht, wenn man die hohe Arbeitslosigkeit von zwanzig Prozent betrachtet.
Aber Irlands Wirtschaft hat zwei Gesichter. Die auf den Inlandsmarkt gerichtete Wirtschaft leidet sehr an den Folgen der Corona-Pandemie. Die durch Irlands Steuerpolitik angelockten internationalen Konzerne konnten hingegen zulegen. Die weltweite Nachfrage nach Medikamenten und digitalen Produkten wurde angekurbelt, wodurch Pharmakonzerne und IT-Größen wie Apple, Facebook, Google oder Microsoft das Wirtschaftswachstum des kleinen Irland nach oben pushen.
Bevölkerungswachstum stützt Bauwirtschaft
Die Preise für Wohnraum haben sich in Dublin in der letzten Dekade ungefähr verdoppelt, im Umland und in der zweitgrößte Stadt Cork nicht ganz so stark, aber ebenfalls merklich und der Trend dürfte anhalten. Eine hohe Geburtenrate und der Zuzug von qualifizierten Arbeitskräften sorgen für ein starkes Bevölkerungswachstum. Eurostat rechnet bis 2030 mit einem Zuwachs in Irland um zehn Prozent, in der Hauptstadt Dublin sogar um fast 13 Prozent. Die Regierung hat ein Investitionsprogramm aufgelegt, wonach bis 2027 jährlich 25 bis 30 Tausend Apartments und Häuser sowie insgesamt über einhunderttausend Sozialwohnungen errichtet werden sollen.
Nach einem guten Jahresbeginn mussten Ende März die meisten Baustellen für sieben Wochen geschlossen werden, zusätzliche Auflagen und Lieferkettenprobleme belasteten die Wiederaufnahme. Das Hochbauvolumen wird nach Einschätzungen von Euroconstruct 2020 um 15,5 Prozent auf 24,4 Milliarden Euro sinken, wobei die Einbußen im Nichtwohnhochbau etwas geringer ausfallen werden als im Wohnbau. Im laufenden und im nächsten Jahr wird im Wohnbau aber wieder mit größeren Zuwächsen gerechnet, so dass 2022 das Vorkrisenniveau wieder überschritten werden kann. Die Fertigstellungen im Geschossbau werden nur 2020 eine kleine Delle aufweisen und danach weiter stetig steigen. Der Bedarf an günstigem Wohnraum ist in den Städten weiterhin hoch. Die Warteliste für knapp siebzigtausend Sozialwohnungen erfordert zusätzliche öffentliche Gelder. Beim Eigenheimbau ist bedingt durch die gestiegene Arbeitslosigkeit ein deutlicher Rückgang der Baugenehmigungen zu verzeichnen, der jedoch nur kurzfristig anhalten dürfte. Derzeit leben zwei von drei Iren in Eigenheimen, an dieser Quote dürfte sich mittelfristig auch nichts ändern. In Relation zur Bevölkerung wir die Wohnbauaktivität in Irland mit 5,8 fertiggestellten Wohnungen pro 1 000 Einwohner in 2023 weiterhin deutlich höher ausfallen als in Deutschland mit 3,5.
Büros dominieren Nichtwohnbau
Euroconstruct schätzt den Rückgang des Bauvolumens im Nichtwohnhochbau auf 15,3 Milliarden Euro (-14,7 Prozent) im vergangenen Jahr etwas geringer ein als im Wohnbau, die Aussichten auf Erholung in den Folgejahren fallen dafür deutlich verhaltener aus. Bis 2023 dürfte das Vorkrisenniveau nicht erreicht werden. Ein Blick auf die Gebäudearten offenbart dabei viele Gemeinsamkeiten, aber auch einen wichtigen Unterschied. Das Bauvolumen von Industrie-, Handels- und Lagergebäuden wird in diesem und den Folgejahren wieder stetig zunehmen. Bei landwirtschaftlichen Gebäuden sowie bei Bauten für Gesundheit und Bildung verlaufen die Kurven recht ähnlich. Völlig gegensätzlich wird sich das Segment der Bürogebäude verhalten, das jedoch über ein Drittel des Neubauvolumens repräsentiert. Während des ersten Lockdowns im Frühjahr überdachten viele Investoren ihre Aktivitäten und der zweite Lockdown Mitte Oktober schürte die Unsicherheiten zusätzlich. Insbesondere im Dublin sind großen Büroflächen im Bau, deren Vermarktung schwierig erscheint. Teils wird gar die Fertigstellung bezweifelt. Vor dem Hintergrund, dass Irland in den vergangenen Monaten mit knapp sechzig Prozent nach Belgien den höchsten Anteil von heimarbeitenden Angestellten auswies, ein durchaus nachvollziehbares Szenario.
Erfolgreicher Außenhändler
Irland ist im weltweiten Warenaustausch äußerst erfolgreich und erwirtschaftet traditionell Außenhandelsüberschüsse, die nach UN-Angaben 2019 mit 69 Milliarden US-Dollar einen Höchststand erreichten. Die Gesamtimporte betrugen rund 101 Milliarden US-Dollar, 8,2 Prozent entfielen auf Deutschland. Vor uns liegen das Vereinigte Königreich (22,5 Prozent), die USA (15,5 Pro-zent) und Frankreich (13,6 Prozent). Die USA sind mit rund dreißig Prozent der wichtigste Exportmarkt der Iren, gefolgt von UK, Belgien und Deutschland.
Nach Angaben von Eurostat importierte Irland 2019 Schlösser und Beschläge für rund 106 Millionen Euro. Hauptherkunftsland war das Vereinigte Königreich (53,3 Millionen Euro, +21,6 Prozent) vor China (19,1 Millionen Euro, +17,1 Prozent). Deutschland, Italien und Österreich komplettieren die Liste der Top-5-Lieferländer. Hersteller aus den USA verzeichneten in den vergangenen zehn Jahren die dynamischste Entwicklung. Sie haben ihr Exportvolumen vervierfacht und könnten damit bald Italien und Österreich überholen, deren Lieferungen nach Irland traditionell dicht beisammen liegen.
Irland steht auf der deutschen Exportliste von Schlössern und Beschlägen mit knapp neun Millionen Euro derzeit nur auf Platz 50, was auch mit Blick auf die Einwohnerzahl unterdurchschnittlich ist. Zahlreiche Produkte finden derzeit über Großbritannien nur indirekt den Weg auf den irischen Markt. Das dürfte sich mit dem Brexit ändern. Auch wenn die EU und das Vereinigte Königreich in diesem Bereich auf Zölle verzichten, werden die nun aufwendigen Formalitäten Direktimporte attraktiver erscheinen lassen. Diese Entwicklung ist für 2020 bereits in der europäischen Außenhandelsstatistik ablesbar. Während die Beschlagimporte bis Oktober insgesamt um rund zwölf Prozent sanken, gingen britische Lieferungen um fast ein Viertel zurück, was bereits ein Über-denken der Lieferketten vermuten lässt.
Der deutsche Export von Baubeschlägen im Wert von knapp vier Millionen Euro auf die grüne Insel spiegelt das potenzielle Marktvolumen daher bislang nur unzureichend wider. Die wichtigsten Einzelpositionen sind Schlösser und Sicherheitsriegel, Türbeschläge und Vorhängeschlösser. Die Aussagekraft der amtlichen Zahlen ist aber aufgrund der geringen Handelsvolumina recht gering, da bereits einzelne Lieferungen für Großprojekte die Reihenfolge komplett verändern können. Bis Oktober 2020 gingen die deutschen Baubeschlag-exporte um 3,1 Prozent zurück, im Kfz- und Möbelbereich sind die Rückgänge mit jeweils rund zwölf Prozent ausgeprägter.
