Insgesamt 522 Teilnehmern sind dieses Jahr zu den Rosenheimer Fenstertage des Ift gekommen. Das sind zwar immer noch rund 300 Menschen weniger als in Vor-Pandemie-Zeiten, aber dennoch fühlte es sich vor Ort wieder so an, wie früher.
Bei der Begrüßung am 12. Oktober freuten sich Jochen Peichl, Vorstand der Geschäftsführung, der Oberbürgermeister der Stadt Rosenheim, Andreas März, und Institutsleiter Professor Jörn P. Lass, wieder „wie früher“ auf der Bühne in einem vollen Saal im KuKo stehen zu dürfen. Die Teilnehmer erwartete ein schlankes, aber gut ausgewähltes und ausgewogenes Fachprogramm, bei dem genug Zeit und Raum für den kommunikativen Austausch gelassen wurde. Klimaschutz und nachhaltiges Bauen waren die Hauptthemen.
Zum Auftakt erläuterte Lass am Beispiel der DGNB-Zertifizierung die Feststellung von Nachhaltigkeit eines Gebäudes. Einfluss haben nicht nur ökologische Qualitätskriterien, sondern auch soziokulturelle und funktionale Punkte. Zusätzlich gibt es die Betrachtungsfelder der Standortqualität, der Prozessqualität und der technischen Qualität. Als Hilfsmittel dienen die Umweltproduktdeklarationen (EPD). Seiner Meinung nach ist ein Label erforderlich, das zeigt, wie nachhaltig ein Produkt ist. Eine Live-Umfrage im Publikum nach dem Interesse an so einem Label zeigte, dass fast 90 Prozent der Befragten eine solche Sichtbarkeit wünschen. Es ist daher zu vermuten, dass das Ift ein solches Label entwickelt und vergibt.
Im Anschluss fragte der Keynote-Speaker Professor Dr. Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK): Was ist mit unserem Kima los? In seinem gut aufbereiteten Vortrag verdeutlichte der Experte, dass die Menschheit schon sehr lange um die Problematik des Klimawandels und seiner Ursache weiß, aber die erforderlichen Maßnahmen, das Problem zu lösen, bislang immer weiter aufgeschoben wurden. Bereits 1843 hat Alexander von Humboldt die Beeinflussung des Menschen auf das Klima aufgrund seines Lebensstils festgestellt. 1896 wurde von Svante Arrhenius die Veränderung auch wissenschaftlich festgestellt und eine Klimasensitivität von vier Grad Celsius errechnet.
Der Klimawandel ist zu 100 Prozent von Menschen gemacht – auch wenn die Live-Umfrage im Publikum zeigte, dass die Mehrheit glaubt, es seinen „nur“ 80 Prozent. Dem ist nicht so, wie die wissenschaftlichen Daten aus aller Welt zeigen und Rahmstorf in mehrfacher Ausführung und Darstellung verdeutlichte. Hitze ist eine der Auswirkungen. War der Sommer im Jahr 2003 der heißeste Sommer überhaupt, haben sich binnen weniger Jahre so viele Hitzesommer in Deutschland ereignet, dass jener aus 2003 mittlerweile auf Rang 5 liegt. Die Sommer in den Jahren 2010, 2018, 2021 und 2022 waren noch heißer, und vermutlich werden weitere „Rekordsommer“ folgen. Neben Dürren, die die Ernten ruinieren und unter anderem in Deutschland zu einem neuen Waldsterben führt, nehmen aber auch extreme Niederschläge zu, die zu Flutkatastrophen wie 2021 im Ahrtal führen.
Hinzu kommen sich aufschaukelnde planetare Wellen in den Weltmeeren, die den stetigen Jetstream gefährden. Das wiederum sorgt dafür, dass extreme Wetterlagen länger an einer Stelle verharren und dadurch Regionen zerstören beziehungsweise ein Leben dort nur schwer möglich machen.

Eine gute Nachricht hatte Rahmstorfer allerdings zum Abschluss seiner Ausführungen: Die Emissionen hierzulande sinken. Ein Aber gibt es dennoch: Das reicht nicht, denn die Abnahme muss schneller und stärker werden. Der Ausbau an Photovoltaik und Onshore-Windanlagen sowie E-Automobilität habe stark zugenommen und könne bei weiterem Ausbau die Wende bringen, meint Rahmstorf unter Berufung auf Daten und Berechnungen.
Nach diesem mehr als nachdenklich stimmenden Auftakt widmeten sich die Teilnehmer interessiert den unterschiedlichen Vorträgen. Der Block „Kreislaufwirtschaft“ beschäftigt sich ausführlich mit den vorhandenen Recyclingmöglichkeiten, weil diese schon bald vom Gesetzgeber eingefordert werden. Walter Lonsinger von AUF informierte zum Recycling von Fenstern aus Aluminium und übernahm dem PVC-Part vom erkrankten Michael Vetter von Rewindo gleich mit. Jochen Grönegräs, Geschäftsführer des Bundesverbandes Flachglas, referierte in seiner für ihn typischen teilweise bissigen Art über „Energieoptimierte Produktion und umfassendes Recycling von Flachglas“ und Gerald Feigenbutz (QKE) zum „Neuen Leitfaden nachhaltiges konstruieren – Design for Recycling Richtlinie“.
Im Block „Baupraxis“ ging es um den Einfluss des Gebäudeenergiegesetzes (GEG), Abdichtung und VIG. Dr. Stephan Schlitzberger vom Ingenieurbüro Professor Dr. Hauser informierte zur „Überarbeitung des GEG – Zukünftige Anforderungen an Glas, Fenster und Fassaden“, Wolfgang Jehl vom Ift Rosenheim gab ein Update zur wichtigen Schnittstelle der Bauwerksabdichtung und informierte zum aktuellen Stand des geplanten Merkblatts „Baukörperanschluss bodentiefer Elemente“ und Peter Schober von der Holzforschung Austria und Dr. Ulrich Pont von der TU Wien berichteten zur „Thermischen Sanierung von Kastenfenstern mit Vakuum-Isolierglas (VIG) – Übertragung vom Labor in die Realität“.
Keine fette Krise
Zum Abschluss des ersten Tages gewährte Martin Langen von B+L einen Marktausblick 2025 mit Chancen und Risiken für den Fenstermarkt. Zunächst listet er die offensichtlichen Probleme und Risiken auf: So waren die Kapazitäten und Produktivität im Sommer 2022 aufgrund von Urlaub und einem hohen Krankenstand stark eingeschränkt. Es gab zunehmend Auftragsstornierung und Verschiebungen. Der Fach-Einzelhandel und die Baumärkte leiden unter der Konsumentenzurückhaltung. Zudem geht das Immobilienmaklergeschäft aufgrund des Kostenanstiegs für Immobilienkäufer zurück, die auch aufgrund der unsicheren Zeiten eine hohe Investition scheuen. „Vertrauen in die Zukunft ist wesentlich, denn nur dann wird investiert“, merkt Langen an. Daher seien alle Zahlen gerade derzeit relativ zu sehen – ergo: Die Lage ist nicht so schlimm, wie häufig gemeldet, so der Experte.
Nach seiner Beobachtung sind die Abläufe in der Bauindustrie nicht (mehr) zyklisch. Zudem bedeuten drei Prozent Hypothekzinsen nicht das Ende des Neubaus, auch wenn es sehr schwierig für Einfamilienhausbauer und -bauunternehmer ist. „Alle, die sich auf diesen Bereich konzentriert haben, müssen umdenken“, mahnt Langen. Eine weitere seiner Kernbotschaften: Die politischen Rahmenbedingungen fördern und fordern den sozialen Wohnungsbau und die Sanierung anstatt des privaten Neubaus. „Hier sollte die Botschaft der Politik ernst genommen werden, die ziehen das durch.“ Im Jahr 2030 komme spätestens die Sanierungspflicht, daher komme die Sanierung zwischen 2025 und 2030 richtig in Schwung. Zudem ist Langen überzeugt, dass die Immobilienpreiszyklen eine Korrektur erleben, aber keine Trendwende. Eine Trendwende mit Rückgängen komme voraussichtlich circa 2025.
Zum Thema Preisentwicklung: Es gibt laut Langen viele Gewinner in der gesamten Lieferkette. Wenn die Preise sinken, verlieren die Beteiligten mehr als sie gewinnen. Und die Preise für Energie werden so lange teuer bleiben, bis die regenerativen Energien vollumfänglich und flächendeckend zur Verfügung stehen. Bei vielen Baustoffen sei der Höhepunkt überwunden, Material sei auch meistens wieder lieferbar, wodurch eigentlich wieder mehr Verlässlichkeit in der Produktionskette vorhanden sei, aber dafür gibt es Branchen, in denen viele Betriebe Kurzarbeit haben, wie etwa im Holzbereich die Sägewerke. Und in puncto Baupreise meinte der Experte, dass lediglich 25 Prozent der Baukosten auf die Baumaterialen für jene entfallen, die in Ballungsgebieten bauen. Gefühlt sei es zwar mehr, aber mathematisch nicht. 1970 gab es 16,2 Prozent Baupreissteigerung, aber das Bauen ist nicht eingebrochen – und das wird aus Langens Sicht jetzt auch nicht geschehen.
Entsprechend prognostiziert er, dass der Bereich Einfamilienhäuser einen Baurückgang um vier Prozent (99.000 Einheiten) haben wird, im Bereich Mehrfamilienhaus dagegen wird es einen Zuwachs um 6,5 Prozent (172.000 Einheiten) geben. Erforderlich ist laut Langen aber aufgrund der Zuwanderung noch mehr Zuwachs. Wo Endverbraucher bauseitig bei der Sanierung aufgrund der Preisentwicklungen sparen werden, sei vor allen in den Bereichen Bad und Garten, weniger hingegen bei den Fenstern. Daher brauche sich die Fensterbranche und ihre Zulieferer kaum Sorgen machen, zudem die wichtigen Exportmärkte auch im Jahr 2023 weiterwüchsen, so Langen. In der Summe: „Eine richtig fette Krise sieht für mich anders aus.“ Bei den Teilnehmern war deutlich zu spüren, dass sie sehr hoffen, dass sich diese Prognose bewahrheite, aber vielen fehlt wohl der Glaube. Wir werden sehen und bei den nächsten Rosenheimer Fenstertagen am 11. und 12. Oktober 2023 eine Zwischenbilanz ziehen können.
Kommentar zum Themenschwerpunkt Klimaschutz
Das Thema des Klimawandels ist zurecht omnipräsent und die Experten und Keynote-Speaker - auch bei den Rosenheimer Fenstertagen des Ift - zeigen Folien von extremen Wetterentwicklungen, die mittlerweile jedes Land dieser Erde betreffen. Aber schon zu meiner Schulzeit wurde in Fächern wie Erdkunde und Politik davor gewarnt, dass die Pole schmelzen, der Meeresspiegel steigt, Dürren und Flutkatastrophen zunähmen, wenn wir nicht unser Verhalten ändern: unsere Mobilität, unsere Ernährung, unseren Verbrauch an endlichen Ressourcen. Ein Anfang wurde gemacht: FCKW verboten, Autos erhielten einen Katalysator, die Mülltrennung wurde eingeführt und die Zahl der Vegetarier stieg – Exoten blieben sie gesellschaftlich dennoch. Tja, und dann? Dann hörten viele (erst die Unternehmen, dann die Bevölkerung) mit ihrem Umweltengagement auf oder bauten es zumindest nicht weiter aus. Stattdessen rückte seit der Globalisierung das Thema Wachstum so stark in den wirtschaftlichen Vordergrund, dass alles andere darüber nahezu vergessen, verdrängt und schlicht ignoriert wurde. Und nun sitze ich hier, mehr als 30 Jahre später, und höre die gleichen Warnungen, aber die Zeit für Veränderungen ist sehr knapp geworden und somit muss die Maßnahmenumsetzung deutlich krasser ausfallen. Viele höre ich sagen: Hätten wir damals… Haben wir aber nicht, und nun pressiert es sehr. Die Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit müssen daher jetzt in großem Umfang angegangen werden – sonst wird es im schlimmsten Fall bald für niemanden mehr irgendein Wachstum geben.