Mit insgesamt 90 Teilnehmern, davon 35 Personen vor Ort und 55 online, fand am 3. Mai 2022 die Frühjahrs-Fachtagung Statistik und Markt des Verbandes Fenster + Fassade (VFF) im Intercity-Hotel am Frankfurter Flughafen statt. Im Fokus standen wie immer die aktuellen Fenstermarktzahlen, die allerdings im Blick auf den gegenwärtigen Krieg und seine Auswirkungen stärker als sonst mit Einschränkungen erläutert werden mussten. „Die realistische Wachstumsprognose für den Fenstermarkt beträgt 0,8 Prozent für 2022“, sagt VFF-Geschäftsführer Frank Lange. „Ohne den Krieg und seine Auswirkungen wäre ein Wachstum von 2,6 Prozent wahrscheinlich gewesen.“
Neben den üblichen Konjunkturdaten und Fenstermarkt-Prognosen standen auch die Zahlen zu den Produktions-, den Import- sowie Exportmengen auf dem Programm der Fachtagung unter der gewohnt souveränen Leitung von Holger Lipp, dem Obmann des VFF-Ausschusses Statistik und Markt von der Weru GmbH. Dazu kamen aus aktuellem Anlass zwei Vorträge über die „Folgen der Ukraine-Krise für die Fenster und Fassadenbranche“ von Martin Langen von der B+L Marktdaten GmbH und zu dem Thema „Krieg in der Ukraine – Neue Realitäten 2.0“ von Jochen Möbert von der Deutschen Bank AG.


Die deutschen Fenster- und Außentürenmarktzahlen präsentierte Christian Blanke von der Heinze GmbH, nachdem zuvor Holger Lipp die Konjunkturdaten und die Baumarktentwicklung in Deutsch-land erläutert hatte. Die Zahlen stammen aus der gemeinsamen Erhebung Fenster- und Türenmarktzahlen durch die Heinze GmbH im Auftrag der Verbände Fenster + Fassade (VFF), Bundesverband Flachglas (BF), Pro-K und Schloss- und Beschlagindustrie (FVSB) hervor.
Demnach zeigen die aktualisierten Daten für 2022 im Wohnungsbau, dass die energetische Sanierung noch um 2,1 Prozent auf 7,53 Millionen Fenstereinheiten (FE) zunehmen wird. Da aber noch in diesem Jahr nach wie vor ein hoher Überhang an Baugenehmigungen für Wohnneubauten vorhanden ist, wird der gesamte Neubaubereich 2022 voraussichtlich nur leicht um 0,4 Prozent auf 6,10 Millionen FE schrumpfen, während der Bereich Sanierung um 1,5 Prozent auf 9,85 Millionen FE zunehmen wird.
Die Entwicklungen am Außentürenmarkt sind vergleichbar. Wie im Fensterbereich kann der Zuwachs im Wohnbau in Höhe von 2,1 Prozent die zu erwartenden Rückgänge im Nichtwohnbau kompensieren. In Summe wird im Außentürenmarkt mit einem Anstieg um 1,4 Prozent auf 1,41 Millionen Stück gerechnet. Getragen wird der Anstieg in Jahr 2022 durch die Modernisierung: Es wird ein Zuwachs von 2,3 Prozent auf 1,009 Millionen Einheiten erwartet, während der Neubau leicht um 0,8 Prozent auf 403.000 Stück nachgeben wird. Insgesamt weist die Studie für 63,4 Prozent aller Türen eine erhöhte Sicherheit aus.
Eine Prognose für die Marktentwicklung 2023 sei in dieser schwierigen aktuellen Lage mit Einflussfaktoren der Pandemie und des Ukraine-Krieges aktuell kaum möglich. Eine erste Einschätzung wird im Rahmen der Fenster- und Türenmarktdaten wieder im Oktober 2022 erhoben und veröffentlicht.
Die deutschen Produktionsmengen der Branche, die Martin Langen vortrug, zeigen eine recht starke Korrelation zu den Absatzmengen. Bemerkenswert ist allerdings der Rückgang der Importe von 4,2 auf 3,0 Prozent in den Jahren 2020 und 2021 bei gleichzeitigem Wachstum der Exporte von 1,1 auf 3,8 Prozent.
Als Ergänzung zu den Marktzahlen erläuterte Eckard von Schwerin von der KfW Bankengruppe den derzeitigen Stand der Fördermaßnahmen im Rahmen der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) nach dem holprigen Start ins Jahr 2022 durch die kurzfristige Aussetzung von Fördermaßnahmen. Für das Jahr 2021 konnte von Schwerin eine ausgesprochen positive Entwicklung der Förderungen melden, die durch eine „überdurchschnittliche Nachfrage nach Förderung von Klimawandel, Umwelt und Nachhaltigkeit“ gekennzeichnet waren.


Die Folgen des Ukraine-Krieges für die Branche erläuterte Martin Langen anhand der von ihm so genannten „vier apokalyptischen Reiter“ Inflation, Zinsanstieg, Materialknappheit und Arbeitskräfte-mangel. Sein Fazit: Die Materialknappheit erschwert die Abgabe verbindlicher Angebote, woraus sich durchaus existenzbedrohliche Situationen ergeben können. Im Gegensatz zu dieser Problemlage muss man bei aller Not der nach Deutschland geflüchteten Ukrainer auch die „Chance der Krise“ – so Langen – angesichts des Fachkräftemangels auf dem deutschen Arbeitsmarkt erkennen. Denn ein Großteil der Flüchtlinge wird wohl auf Dauer als Arbeitskräfte in Deutschland bleiben. Die auf dem Vortrag von Martin Langen beruhende VFF-Kurzstudie „Folgen der Ukraine-Krise für die Fenster- und Fassadenbranche“ wird laut VFF in Kürze veröffentlicht.
Jochen Möbert markierte in einem noch weiteren Horizont anschließend die schon spürbaren und danach noch erwartbaren neuen Kriegsrealitäten in der deutschen, europäischen und globalen Wirtschaft. Dabei richtete er den Blick insbesondere auf die Preisentwicklungen, die Inflation und die Staatsverschuldung. Der sehr robuste Arbeitsmarkt sorgt nach Möberts Einschätzung weiterhin für Vollbeschäftigung und damit einen Arbeitnehmermarkt, verbunden mit der Tendenz, sich angesichts globaler Engpässe wieder verstärkt an lokalen Märkten zu orientieren.
„Wenn ich mir ein Fazit der Fachtagung erlauben darf, dann möchte ich die herausragende Relevanz der energetischen Sanierung für die nächsten Jahre betonen“, erklärte Frank Lange nach der Veranstaltung. „Allerdings sind alle Marktprognosen unter den derzeit unsicheren Bedingungen nur wenig belastbar. Ich hoffe, dass wir bei unserer Herbsttagung Statistik und Markt dann wieder stabilere Markteinschätzungen geben können.“ Und im Blick auf die nächsten Jahre ergänzte Lange: „Gerade auch wegen der aktuellen Bedrohungen der Energieversorgung infolge des Krieges müssen wir weiterhin konsequent auf die Klimapolitik im Gebäudesektor setzen, und das heißt: auf die zentrale Bedeutung energieeffizienter Sanierung. ´Efficiency First` muss das vorrangige Motto der Klimapolitik werden.“