Nachhaltigkeit ist bei Hettich seit vielen Jahren ein wesentlicher Teil der Unternehmenskultur. So ist der Anbieter nach eigenen Angaben der erste Beschlaghersteller, der vor mehr als 25 Jahren freiwillig eine EMAS-Zertifizierung an seinen relevanten Standorten durchgeführt hat. Das Ziel heißt, wirtschaftlichen Erfolg mit ökologischer, sozialer und gesellschaftlicher Verantwortung zu verbinden.
Wir sprachen mit Michael Lehmkuhl, Hettich-Geschäftsführer in Kirchlengern, Timo Pieper, ebenfalls Geschäftsführer in Kirchlengern, und Guido Burmeister, Material Compliance Expert, über das vielfältige soziale Engagement, die Investitionen in umwelt- und ressourcenschonende Technologien sowie die Reduzierung und Vermeidung von CO2-Emissionen.
Als Familienunternehmen in 4. Generation ist Nachhaltigkeit heute ein wesentlicher Teil Ihrer Unternehmenskultur. Wie wird das innerhalb des Unternehmens gelebt beziehungsweise nach innen kommuniziert?
Timo Pieper: Uns ist es von Anfang an wichtig gewesen, die Mitarbeitenden einzubinden und mitzunehmen. Denn wenn unsere Beschäftigten nicht überzeugt sind und wir nicht gemeinsam an einem Strang ziehen, wird sich selbst die beste Strategie nur sehr schwer umsetzen lassen. Bei uns im Unternehmen bedeutet Nachhaltigkeit aber noch viel mehr als nur Umweltschutz. Zur Nachhaltigkeit gehören neben der Ökologie auch die soziale und die gesellschaftliche Verantwortung. Das sind die sprichwörtlichen drei Säulen, an denen wir uns in der Unternehmensgruppe orientieren.
Sie wollen wirtschaftlichen Erfolg mit ökologischer, sozialer und gesellschaftlicher Verantwortung verbinden. Wie gelingt das?
Michael Lehmkuhl: Mein Kollege sprach gerade das ,,Drei-Säulen-Modell" an. Zu jeder dieser Säulen existieren hier im Hause unterschiedliche Arbeitsgruppen. Das Besondere dabei ist, dass sich dort alle unsere Beschäftigten unabhängig von Standort, Bereich und Rolle passend zu ihren Leidenschaften, Talenten und Ideen einbringen können. Gemeinsam erarbeiten wir diverse Nachhaltigkeitsaktivitäten. Dabei haben wir den wirtschaftlichen Erfolg im Blick und denken bei unserem Handeln immer an unsere nächsten Generationen.
Können Sie ein Beispiel aus der Praxis nennen?
Guido Burmeister: Unser Leitspruch ist, wir übernehmen Verantwortung für die Welt, in der wir leben. Bereits seit 1997 nimmt die Hettich Gruppe am EMAS-Umweltmanagementsystem (Eco Management and Audit Scheme, deutsch: Gemeinschaftssystem für Umweltmanagement und Umweltbetriebsprüfung) der Europäischen Union teil. Nach wie vor sind wir der einzige Möbelbeschlaghersteller im deutschsprachigen Raum, der sich den freiwilligen, strengen EMAS-Anforderungen der EU stellt. Im Rahmen dieses Engagements haben wir in den zurückliegenden Jahren etliche Maßnahmen beschlossen und umgesetzt. So konnten wir beispielsweise in den Jahren 2016 bis 2022 die CO2-Emissionen an unseren weltweiten Produktionsstandorten um mehr als 40 Prozent senken.
Wie kann sich das Unternehmen in puncto Nachhaltigkeit gegenüber Mitbewerbern differenzieren?
Guido Burmeister: Bezogen auf die Säule der Ökologie natürlich durch die erwähnte EMAS-Zertifizierung. Damit verbunden sind verschiedenste Maßnahmen. Sei es der Bezug von Ökostrom an allen deutschen Produktionsstandorten seit 2021 oder die Installation von Photovoltaik-Anlagen zur eigenen Stromgewinnung. Aber auch Projekte wie das Anlegen lokaler Blühwiesen an den Standorten zum Schutz der Insekten zählen dazu. Und im Kleinen sind es beispielsweise Themen wie das konsequente Einsparen von Papier in der Verwaltung. Es ist die Summe all dieser Aktivitäten, die den Unterschied macht.
Wie wichtig ist Ihren Kunden nachhaltiges Wirtschaften und Produzieren? Oder anders gefragt: Ist Nachhaltigkeit ein wichtiges Kaufargument?
Michael Lehmkuhl: Wir merken, dass das Thema Ökologie gerade bei vielen Endkunden einen hohen Stellenwert hat. Doch auch vonseiten des Handels und der Verarbeiter nehmen die Anfragen seit etwa zwei bis drei Jahren kontinuierlich zu. In der Vergangenheit standen im Bereich der Möbel vor allem die verarbeiteten Holzwerkstoffe und darin eventuell enthaltene Schadstoffe im Fokus. Heute sind es zunehmend die Funktionselemente. So wird beispielsweise im Bereich der Kunststoffe ein höherer Recyclinganteil gefordert.
Hettich verpflichtet sich dem Ziel, bei den direkten und indirekten Treibhausgasemissionen an seinen Standorten klimaneutral zu werden. Dabei geben Sie der Vermeidung und Reduzierung den Vorrang vor der Kompensation umweltschädlicher Emissionen. Können Sie konkrete Zahlen nennen, die den Fortschritt dokumentieren?
Timo Pieper: Der Begriff „klimaneutral" ist möglicherweise nicht der transparenteste Ansatz für die Angabe unseres Ziels zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen nach dem neuesten Stand der Klimaforschung. Unsere Devise lautet vermeiden, reduzieren, kompensieren. Wenn wir den CO2-Ausstoß pro produzierter Tonne Produkt betrachten, konnten wir die Emissionen an unserem Firmensitz in Kirchlengern/Bünde von 1997 bis heute um beachtliche 85 Prozent reduzieren. Dies kann natürlich nur gelingen, weil sich auch unsere Lieferanten an unseren Vorgaben orientieren. Da wir mit all unseren Lieferanten langjährige und gute Beziehungen pflegen, die auf Verlässlichkeit und Vertrauen basieren, gibt dies Sicherheit, gerade auch in Bezug auf notwendige Investitionen.
Sie wollen die Kreislauffähigkeit Ihrer Produkte verbessern und suchen gemeinsam mit Ihren Partnern nach alternativen nachhaltigen Materialien und Herstellungsmethoden. Können Sie hier Beispiele aus der Praxis nennen?
Guido Burmeister: Ein Aspekt ist der Bezug von sogenanntem ,,CO2 reduziertem Stahl". Dieser Stahl wird mit 70 Prozent weniger CO2-Emissionen produziert. Oder das Beispiel Recyclingkunststoffe. Manche Produkte können wir größtenteils aus Recyclaten fertigen, bei anderen ist es ein gewisser Anteil, der dem Neukunststoff beigefügt wird. Das Ziel ist dabei, am Ende des Produktlebens eine möglichst sortenreine Entsorgung sicherstellen zu können. Angesprochen wurde bereits der Punkt Vermeidung. Dort, wo es möglich ist, versuchen wir, die verwendete Materialmenge so gering wie möglich zu halten.
Die Umstellung auf mehr Umweltschutz verursacht erst einmal Kosten. Wie hoch sind im Schnitt die Investitionen in den Bereichen Umweltschutz und Nachhaltigkeit?
Michael Lehmkuhl: Das Argument der höheren Kosten sehen wir so pauschal erst einmal nicht, denn jede Investition in mehr Nachhaltigkeit hat ja das Ziel, langfristig Kosten zu reduzieren. So achten wir beispielsweise bei jedem Neubau auf eine energieeffiziente Architektur. Die ist vielleicht im ersten Moment etwas teurer, mittel- und langfristig sparen wir aber durch niedrigere Heizkosten. Oder der verstärkte Einsatz der Photovoltaik, der zu einer deutlichen Entlastung bei den Strompreisen beiträgt.
Um wie viel Prozent werden umweltfreundlich produzierte Produkte teurer, und lassen sich die Mehrkosten auf den Preis aufschlagen?
Timo Pieper: Das lässt sich prozentual meist nicht so leicht beziffern. Ein Großteil unserer Lösungen hat Stahl als Grundmaterial. Der Anteil ist jedoch unterschiedlich je Produkt. Die Einkaufspreise für Stahl sind in den letzten Jahren sehr stark gestiegen, und der Aufpreis für CO2-reduzierten Stahl kommt dann noch hinzu. Mal abgesehen von der durchgängigen Verfügbarkeit des CO2-reduzierten Stahls lassen sich diese Mehrkosten nur sehr schwer auf den Preis aufschlagen.
Sind Kunden trotzdem bereit, für ein solches Produkt einen höheren Preis zu bezahlen?
Michael Lehmkuhl: Wir stellen bei vielen Kunden ein ausgeprägtes Anspruchsdenken fest, auch beim Punkt Ökologie. Trotzdem wird heute beim Kauf extrem auf den Euro geachtet. Beispiel Küche: Der Kunde ist zwar bereit, einen gewissen Mehrpreis zu bezahlen. Dabei achtet er aber primär auf die Ausstattung und Funktionalität. Bei der Funktionalität können wir natürlich mit unseren Beschlaglösungen punkten. Der rein ökologische Aspekt rückt dafür aktuell etwas in den Hintergrund. Aber wir denken langfristig und gehen davon aus, dass sich mit neuen Käuferschichten auch das Konsumverhalten ändern wird.
Wie wichtig sind Ihnen seriöse Umweltsiegel – zum Beispiel Ecocert, Umweltengel etc. – im Vergleich zu „hauseigenen“ Labels, wie es sie im Bereich der Lebensmittelindustrie vielfach gibt?
Guido Burmeister: Grundsätzlich sind uns seriöse Label sehr wichtig, denn sie schaffen Vertrauen. Von einem hauseigenen Label hingegen halten wir nichts.
Gibt es Überlegungen, das Unternehmen oder einzelne Produkte mit einem Label zu versehen?
Timo Pieper: Es existieren einige Labels, die für Möbel anwendbar sind und eine gute Verbreitung haben. Diese sind jedoch für fertige Möbel vorgesehen, nicht für die Beschläge. Allerdings unterstützen wir Kunden mit zertifizierten Möbeln, die Anforderungen zu erfüllen.
Gibt es sogenannte Leuchttürme in der Branche oder in anderen Branchen, an denen sich Hettich bei seinen Bemühungen um mehr Umweltschutz und Nachhaltigkeit orientiert?
Guido Burmeister: Leuchttürme gibt es für uns in dem Sinne nicht. Vielmehr sehen wir uns selbst als ein Vorreiter, der das Ziel verfolgt, sich deutlich über die gesetzlichen Anforderungen hinaus zu engagieren. Und darauf sind wir stolz.
Wie wird das Thema von Ihren ausländischen Kunden/Partnern bewertet?
Timo Pieper: Das Thema der ökologischen Nachhaltigkeit nimmt bei unseren Kunden in den verschiedenen Regionen der Welt eine sehr unterschiedliche Gewichtung an. Wir beobachten in Europa und im pazifischen sowie nordamerikanischen Bereich ein stetig wachsendes Interesse an dem Thema und auch an konkreten Lösungen.
Ein anderes Thema zum Schluss: Wie schätzen Sie die kommenden ein bis zwei Jahre vor dem Hintergrund der rückläufigen Entwicklung am Bau ein? Hat dies auch Einfluss auf den Möbelmarkt?
Michael Lehmkuhl: Wir sind aktuell mit mehreren Herausforderungen konfrontiert. Auf der einen Seite sind hochwertige Möbel sehr langlebig, was unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit natürlich grundsätzlich sehr positiv ist. Dann spüren wir seit rund anderthalb Jahren eine deutliche Investitionszurückhaltung, was letztlich zu der momentanen Abwärtsbewegung führte. Wir wissen, dass wir einen langen Atem brauchen, haben aber in der Gruppe die Voraussetzungen geschaffen, um diese Durststrecke durchzuhalten.

