Dieter Ammon freute sich über den positiven Zuspruch bei der Veranstaltung.
Dieter Ammon freute sich über den positiven Zuspruch bei der Veranstaltung. (Quelle: Redaktion/kosi)

Fachhandel 2022-05-30T13:02:52.875Z Verschiedene Blicke in die Zukunft

Mit großer Freude hat Dieter Ammon Ende April die 23. Ammon Fenstertage eröffnet. Nach zwei Jahren Zwangspause konnte das Fachhandelsunternehmen endlich wieder zu der traditionellen Veranstaltung einladen. 120 Teilnehmer haben sich nicht zwei Mal bitten lassen und konnten neben einem Wiedersehen alter Bekannter und Kennenlernen neuer Gesichter ein informatives und unterhaltsames Vortragsprogramm genießen. Lesen Sie hier die Langversion des Berichtes aus der Schloss- und Beschlagmarkt-Ausgabe 6/22.

Seit den letzten Ammon Fenstertagen 2019 in Regenburg hat sich einiges verändert: Corona hat zum Einbruch vieler ausländischer Märkte geführt, einige Zulieferer und Hersteller hatten Probleme, weil unter anderem China nicht mehr so geliefert hat, wie man es kannte. Trotz der Wiedersehensfreude kam Dieter Ammon in seiner Begrüßungsrede auf seine unverblümte fränkische Art gleich zum Punkt. „Hamsterkäufe auch in unserer Branche haben für weitere Probleme gesorgt, hinzukommen die immer noch steigenden Rohstoffpreise. Bei Aluminium erfährt man den Preis derzeit am Tag der Pressung – man bestellt also, ohne zu wissen, was zu bezahlen ist. Kaufmännische Gepflogenheiten sind über Bord geworfen worden. Hinzu kommt der Krieg in der Ukraine, dessen Ausgang ungewiss ist.“

Dennoch darf sich auch das Nürnberger Unternehmen über volle Auftragsbücher freuen, auch wenn die Vielzahl an Aufträgen kaum leistbar ist. „Wir sehen uns dennoch gut in der Lieferkette positioniert“, sagt Ammon, für den klar ist, dass wenn die Hersteller alles selbst an den Mann oder die Frau bringen müssten, die Umsätze nicht halb so gut wären – vor allem in einer Zeit, in der auch beim Handelsunternehmen viel geschehen ist: Dieter Ammons Schwiegersohn Konrad Fritz ergänzt seit Anfang 2020 die Geschäftsleitung, das Unternehmen Baubeschlag Profi Partner (BPP) aus Konstanz ist zur gelb-roten Gruppe dazu gekommen, ebenso Berkel mit sieben Mitarbeitern als Verkaufsbüro Paderborn und „zudem sind wir Richtung Schweiz unterwegs“, so der Geschäftsführer, der seit 39 Jahren diese Position inne hat. Darüber hinaus hat Ammon seine Logistik verstärkt. Nach dem im Jahr 2018 das Lager in Nürnberg eröffnet wurde, startete ein weiteres im Jahr 2021 in Windorf bei Passau. Damit sei alle zwei Jahre das Lagervolumen des Fachhändlers mit jeweils 2.500 Lagerplätzen – die jetzt auch voll sind – um 40 Prozent gewachsen. In Windorf wird außerdem die Endkonfektionierung der Hebe-Schiebetürbeschläge für Maco-Hautau vorgenommen. Diese Dienstleistung für Kunden nutzen unter anderem Pax und die Kneer-Gruppe. Und seit kurzem ist Helmut Lang, langjähriger Vertriebsleiter bei Maco, nun bei Ammon als Verkaufsleiter tätig.

Dieter Ammons Schwiegersohn Konrad Fritz ergänzt seit Anfang 2020 die Geschäftsleitung und unterstützte
auch bei der Moderation.
Dieter Ammons Schwiegersohn Konrad Fritz ergänzt seit Anfang 2020 die Geschäftsleitung und unterstützte auch bei der Moderation. (Quelle: Redaktion/kosi)

Gute Entwicklung

Alles in allem steht das fränkische Unternehmen gut da: Konnten im Jahr 2019 mit 330 Mitarbeitern an 13 Standorten und mit vier Partnerfirmen noch fast 99 Millionen Umsatz generiert werden, sind es jetzt 500 Mitarbeiter an 15 Standorten und fünf Partnerfirmen, die einen Umsatz von über 160 Millionen Euro erwirtschaften.

Und das kommt auch nicht von ungefähr, denn Ammon hat fleißig für seine Kunden Leistungspakete in den Bereichen Logistik, Online-Shop & Schnittstellen, Service & Montage sowie Experten-Beratung geschnürt. „Mit unserer eigenen Logistik kommen auch sensible Produkte sicherer beim Kunden an, als wenn man Fremdspediteure beauftragt“, wie Konrad Fritz erläutert, der auf eine Liefertreue von 92 Prozent in schwierigen Zeiten verweisen kann. „Da waren wir mal besser, aber unter den derzeitigen Umständen hat sich das verringert – kommt aber wieder“, ist der Geschäftsführer sicher. 40 Lkw sind derzeit täglich im Einsatz. Und es werden wohl bald mehr, denn in Neukirchen befindet sich bereits ein neuer Logistikstandort im Aufbau – mit 2.500 Quadratmetern Arbeitsfläche, davon 1.000 Quadratmeter Pufferfläche für aktuelle Warenbeschaffungen. Dort findet dann auch die Vorkonfektionierung der Unterbauprofile „TopCon“ statt.

Einem permanenten Ausbau unterliegt auch alles Digitale. So wird beispielsweise der Online-Shop nach und nach um weitere Features bereichert. Er spiegelt jetzt schon die Warenverfügbarkeit in allen Lagern wider und listet Preise sowie Liefertermine in Echtzeit. Auch können Nutzer eine Favoritenliste anlegen, Scan-Etiketten drucken und über eine Chat-Funktion kommunizieren. Zudem gibt es jetzt weitere Konfiguratoren, unter anderen für Fensterbänke, Absturzsicherungen und Sonderfarben. Und für den schnellen Abverkauf gibt es einen direkten Zugriff auf Schnäppchen-Artikel. Eine Warenbestellung ist aber ebenso über die Scan-App „1-2-3“ möglich.

Ammon hat nach eigenen Angaben Schnittstellen geschaffen, die für schelle Abwicklung, fehlerfreie Prozesse, verbesserte Datenqualität und Kostensenkung sorgen. Daher stehen auch weitere Projekt in diesem Bereich an: Es sollen Schnittstellen im Einkauf geschaffen, eine neue Serverlandschaft aufgebaut und weitere Prozesse digitalisiert werden, beispielsweise das Dokumentenmanagement, das automatische Auslesen von Aufträgen, papierloses Kommissionieren, E-Mail-Rechnungen und digitale Lieferscheine.

Trotz aller Digitalität wird der neue Tür-Beschlag-Katalog mit über 10.000 Artikel – alle bebildert –auf 1.117 Seiten auch gedruckt erscheinen mit einer Auflage von 8.000 Stück. Ebenso in haptischer Form ist der Montage-Katalog mit überarbeitetem Sortiment, QR-Codes und integrierten Montage-Anforderungen erhältlich. Noch handfester wird es beim Sortiment, das durch Rollläden erweitert wird. Hier will Ammon demnächst auch vorkonfektionierte Ware anbieten.

Nachdem die Geschäftsführer dieses Leistungsfeuerwerk abgebrannt haben, startete das Vortragsprogramm, das der VFF-Präsident Helmut Meeth mit einem Grußwort eröffnete. Dabei fand er klare Worte für den russischen Angriffskrieg in der Ukraine: „Dessen Schatten und dunkle Wolken überlagern vielleicht nicht gerade hier und jetzt die Stimmung, aber dennoch katapultiert uns dieses widerliche Vorgehen in eine Zeit, die wir als längst überwunden geglaubt hatten.“ Als er sein Amt angetreten hat, hatte er nach eigener Aussage nicht erwartetet, dass er sich mit einer Pandemie und einem Krieg auseinandersetzen musste. „Dennoch habe ich das bei Amtsantritt erklärte Ziel der Digitalisierung nicht aus den Augen verloren“, sagte Meeth und berichtete von den hauseigenen Digitalisierungsprojekten in seinem Fensterbaubetrieb wie „Cloud-Window“, bei dem nicht nur Montageanleitungen integriert sind, sondern auch die Wartung ist mittlerweile digital möglich. Er erzählte von Unterstützung bei der Glasstudie, von deren Ergebnis viele partizipieren können, und von der Qualitätskontrolle mittels Roboter. „Der ist teuer und wird in Deutschland nur mit fünf Prozent gefördert, in Polen dagegen mit 70 Prozent – das finde ich als Unternehmer nicht fair, nicht in Ordnung“.

Spannende Vorträge

Über „Anforderungen, Kennwerte und Nachweise für nachhaltige Fenster“ berichtete Christoph Seehauser vom Ift Rosenheim. Neben den technischen Aspekten und den Hilfestellungen wie bei den Umweltproduktdeklarationen EPDs, die meist von den Verbänden geregelt werden, und dem Nachhaltigkeitsproduktpass (NHPP), den das Ift als Hilfsmittel bereitstellt, zeigte er auch auf, warum die CO2-Bilanz im eigenen Unternehmen von großer Bedeutung ist. Diese Bilanz ist nach seinen Angaben die Grundlage für das eigene Klimaschutzmanagement und die Klimastrategie. Sie quantifiziert die Emissionen der unternehmerischen Tätigkeiten und wird als Basis für Maßnahmen zur Emissionsminderung herangezogen. Die Bilanz dient als Grundlage zur Klimaneutralität des Unternehmens und seiner Produkte, ebenso als Basis für die öffentlich Berichterstattung und Kommunikation. Aufgrund dieser Bilanz verändert sich die Wahrnehmung des Unternehmens bei Kunden, Partnern und Mitarbeitern. Zudem kann die Bilanz die eigene Sichtweise für Investitionsentscheidungen unter Berücksichtigung des CO2-Ausstoßes verändern (CO2-Steuer/Bepreisung).

120 Teilnehmer verfolgten das Vortragsprogramm.
120 Teilnehmer verfolgten das Vortragsprogramm. (Quelle: Redaktion/kosi)

Im Anschluss betonte Matthias Dold vom Fensterhersteller Gutmann mit seinem Vortrag „Aspekte ökologischer Fenstersysteme“ die Wichtigkeit des schnellen Handelns. Dafür zeigte er dem Publikum erst einmal auf, wie sehr die Weltbevölkerung, aber auch die Deutschen im Speziellen, die Erde überfordern und verschmutzen. Das hat einerseits mit der wachsenden Weltbevölkerung zu tun, aber auch mit dem gestiegenen Lebensstandard. Damit sorgte er vermutlich für reichlich schlechtes Gewissen bei den Teilnehmern, aber auch für die gebotene Aufmerksamkeit, um der Schilderung der AUF-Zertifizierung von Aluminium und dem Recycling des Leichtmetalls zu folgen. Dold rechnet damit, dass Aluminium in spätestens 40 Jahren zu 100 Prozent recycelt werden kann. Seinen weiteren Ausführungen zufolge hat Gutmann die richtigen Produkte, um die CO2-Bilanz bei Neubauten zu verbessern.

Einen Blick in eine etwas entfernte, aber dennoch erlebbare Zukunft warf Zukunftsforscher Dr. Bernd Flessner vom Zentralinstitut für Wissenschaftsreflexion und Schlüsselqualifikationen (ZiWiS) in Erlangen mit seinem Referat über „Künstliche Intelligenz im Alltag der Zukunft“. Vorweg erläuterte er, dass der Gegenstand der Zukunftsforschung nicht die Zukunft sei, sondern der Möglichkeitsraum. Und dieser übertrifft so manche Vorstellungskraft, wie das Beispiel eines Mobiltelefons zeige, dass Tonbandgerät, Kamera, PC und Tools zum Datentransfer in sich vereint. „Die Konvergenz von Technologien ist einfach enorm“, erzählte Flessner begeistert. Zudem beschleunige sich der Transformationsprozess und das Outernet, was landläufig als Internet of things bekannt ist, führe zur Re-Industrialisierung. Als aktuelles Beispiel nannte er das Fabbing, der 3D-Druck von Produkten. Dafür ist nur die entsprechende Maschine, ein Rohling und die sogenannte Structurware erforderlich. „Das wird die Produktionsprozesse verändern. Ein Beispiel sind Dentallabore, die dadurch zum Auslaufmodell werden, weil Zahn-Inlays in der Praxis gefabbt werden“, schildert der Forscher die vermutlich baldige Entwicklung.

Heute schon gefabbt?

Es folgte ein weiterer Blick in die Zukunft, der keine Prognose darstellte, wie Flessner deutlich betont, sondern lediglich ein Modell sei: Demnach werde es schon bald möglich sein, dass ein mittels Brille in einer Netflix-Serie entdecktes Produkt nicht nur schlichtweg gekauft werden kann. Vielmehr werde die nächste Fabbing-Maschine in der Nähe geortet und eine Strucutrware zu einem gewissen Preis angeboten. So kann man sich das Produkt schnellstmöglich fabben. Derzeit sind 200 Milliarden Produkte via Internet miteinander verbunden. Autonome Prozesse werden zunehmen – bleibt das Problem der Kontrolle.

Im Jahr 2042 bringe der Quantencomputer einschneidende Veränderungen, da dieser alle Rechnungen gleichzeitig durchführen kann. Dadurch werde eine Technosphäre kommen: Autonome oder teilautonome Avatare können uns dann vertreten, sind sogar geschäftsfähig. Menschen werden in der Arbeitswelt weiterhin gebraucht, nur an anderen Stellen als bisher. Die KI wird Tool beziehungsweise Partner sein. „Wenn wir die Prozesse und Entwicklungen in unserer Branche nicht gestalten, werden es andere tun“, schloss der Forscher seinen Vortrag.

Noch etwas von den Vorstellungen des eigenen Avatars gefesselt, geht es recht schnell über zu den Ausführungen von Professor Dr. Markus Hengstschläger, Leiter des Instituts für Medizinische Genetik im Wien. Mit schönem Wiener Schmäh und auf unterhaltsame Art rief er zu „Anstiftung zum Andersdenken“ auf. Dabei schilderte er anschaulich, dass Talente und Begabungen Potenziale seien, die in jedem schlummern, aber geweckt werden müssen. „Diese Potenziale fußen zwar Großteils auf unseren Genen, doch es müsse geübt werden, so wie man Sprechen lernen muss“, so der Genetiker. Und nur in Kombination mit Lösungsbegabung schaffe man Neues, ansonsten mache man nur das, was es schon gibt. Daher rät Hengstschläger schon in der Erziehung darauf zu achten, dass man dem Kind nicht die Lösung eines Problems sagen, sondern die eigenständige Lösungsfindung unterstützten solle, so dass das Lösen selbst erarbeitet würde.

Erfolg ist nicht Glück, es ist nicht Talent und auch kein Wissen, sondern Machen – es kommt darauf an, was wir aus unserer Situation machen. So blickt Katja Porsch ins Leben und will mit ihrem Vortrag „Wecke den Macher in Dir“ aufzeigen, wie das jeder schaffen kann. Das tat sie auch in Erfurt und lieferte damit beim Publikum genug Energie, um das anschließende Abendprogramm noch mehr zu genießen als es ohnehin geschehen wäre.

Neben dem Ehepaar Ammon war unter den interessierten Zuhörern auch VFF-Präsident und Fensterhersteller Helmut Meeth.
Neben dem Ehepaar Ammon war unter den interessierten Zuhörern auch VFF-Präsident und Fensterhersteller Helmut Meeth. (Quelle: Redaktion/kosi)
zuletzt editiert am 30. Mai 2022
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