Was einst mit „Smart Home“ begann, um dann mit „Smart Living“ das Leben zuhause komfortabler, Ressourcen schonender und sicherer zu machen, hat sich inzwischen längst weiterentwickelt. So wird zum Beispiel mit „Smart Health“ auch das Gesundheitswesen und die altersgerechte Unterstützung einbezogen. „Smart Building“ bezeichnet sowohl technische Verfahren und Systeme zur Automatisierung, als auch die Vernetzung von Gebäuden. Mit „Smart City“ wird sogar die regionale Infrastruktur in die digitalen Prozesse einbezogen. Über aktuelle Entwicklungen und welche Chancen sich daraus für den Fachhandel ergeben, sprach Autor Ralf Margout im Experten-Interview mit Norman Bartusch, dem Geschäftsführer der SmartHome Initiative Deutschland e.V.

Herr Bartusch, ist vor dem Hintergrund der Entwicklungen und dem KI-Zeitalter der Begriff „Smart Home“ eigentlich noch der Richtige?
Der Begriff „Smart Home“ hat sich inzwischen von einem Begriff in eine Metaebene entwickelt. Aber was bedeutet Smart? Smart bedeutet nicht, dass Anwendungen per App und mit Mobiltelefon ausgeführt werden. Damit würden Schalter ja nur durch ein Handy ersetzt. Smart Home Anwendungen sind technische Assistenzsysteme. Sie sorgen durch Automatisierungen für Energieersparnis, ein längeres Leben im Alter in der eigenen Wohnung, den sicheren Umgang mit Daten, zeitgemäßes Wohnen und vieles mehr. Smart Home bildet daher jetzt schwerpunktmäßig die Bereiche Smart Building / Smart City, AAL (Ambient Assisted Living – technisch unterstütztes Leben im Alter), Health, Energie, Cyber Security und Nachhaltigkeit ab. In jedem dieser Felder liegen enorme intelligente Geschäftsmodelle durch neue, zeitgemäße Technologien. Und die Integration von KI-Anwendungen werden außerdem ganz neue Anbindungen eröffnen.
Trotz positiver Effekte zunehmender Digitalisierung birgt diese ja auch die Gefahr, dass ältere Menschen ausgegrenzt werden. Ihre Smart-Home- Initiative arbeitet jetzt mit der GGT Deutschen Gesellschaft für Gerontotechnik zusammen. Welche Möglichkeiten und Synergien ergeben sich durch diese Kooperation?
Das Thema Leben im Alter ist dann doch in allen Bereichen angekommen. Hier geht es aber nicht nur um die „Boomer“. Fundamental sind hier intelligente Assistenzsysteme. Die müssen automatische Hilfestellung geben sowie auch automatisch Prozesse ansteuern. Wer da erst eine Situation über eine App in Gang setzten muss, setzt sicher auf die falsche Technik. Das Problem sind nicht fehlende Technologien. Es gibt inzwischen so viele hilfreiche Lösungen, nur leider kommen diese im Markt nicht an. Das liegt sicher nicht an den Herstellern. Hier gibt es keine etablierten Wirtschaftswege. Es gibt kaum Fachhändler zu diesen Themen. Ein Interessent in einer strukturschwachen Region hat einfach kaum eine Chance, neben guter Beratung auch fachgerechte Bezugsquellen zu bekommen. Meist enden diese Bedarfe dann in Onlineshops. Eine Lösung liegt meines Erachtens in der intelligenten Vernetzung unterschiedlichster Marktteilnehmer. Nur wenn Verbände und Wirtschaft zusammen nach Lösungen suchen, wird es auch sinnvolle Lösungen geben.
Betrachtet man die Entwicklung der Zutrittskontrollsysteme, so ist ja Dank des OSS-Standards in Bezug auf die anfangs eher proprietär ausgerichteten Systeme eine gewisse Harmonisierung in Aussicht. Wäre eine ähnliche Entwicklung Ihrer Ansicht nach auch im Bereich von Smart Home denkbar und wie kann dies funktionieren?
Trotz OSS-Standards gibt es ja noch nicht die OSS-Systeme. Wir erleben diese Bildung von Allianzen schon lange in unterschiedlichen Ebenen. Ob OSS oder im Smart Home, das viel diskutierte Thema Matter zeigt ja auch, wie erforderlich eine Vereinfachung des Marktes ist und dass entsprechender Bedarf da ist.
Andere Länder sind uns da weit voraus, aber nach und nach entstehen auch in Deutschland immer mehr Smart Cities etwa nach dem Vorbild der Stadt Ahaus, welche seit über 20 Jahren Vorreiter ist. Wie schätzen Sie diese Entwicklung auch im Hinblick auf die vorhandene Infrastruktur ein?
Es ist überhaupt nicht die Frage, ob sich Modelle wie Ahaus durchsetzen, die Frage ist, wann, wie und wer an diesen Märkten teilnimmt? Für den kommenden Strukturwandel sind Vernetzungen beziehungsweise weitere Digitalisierungen unausweichlich. Ahaus zeigt, wie es funktionieren kann. Hier wurde das Thema Smart City erfolgreich umgesetzt. Das hat funktioniert, da regional alle mit einbezogen wurden. Auch hier wird das Thema demographische Entwicklung ein Treiber werden, da neben assistenzunterstützenden Technologien auch die Folgeprozesse in Form von angepassten Dienstleistungsangeboten einbezogen werden müssen.
Ihre Initiative schafft ja auch Anreize, wie beispielsweise durch den Smart-Home-Award. Lässt sich anhand der Entwicklung ein gesteigertes Interesse an diesem Thema ableiten?
Da uns als Smart-Home-Initiative bekannt ist, dass es viel mehr technische Möglichkeiten gibt, als allgemein bewusst, gehen wir seit Jahren den Weg, innovative Projekte, Produkte und StartUp´s intensiver, vor allem auch branchenübergreifend, zu vernetzen. Der Award ist dafür eine hervorragende Möglichkeit und hat sich inzwischen etabliert.
Der smarte Ausbau in allen Bereichen birgt sicher ein großes Potenzial für viele Branchen. Wie schätzen Sie die Chancen und Möglichkeiten für den Fachhandel im Bereich Sicherheitstechnik ein und wie sollte er sich diesbezüglich aufstellen?
Da es keinen etablierten Markt und keine, beziehungsweise nur wenig etablierten Fachhändler in diesen Bereichen gibt, eröffnen sich viele neue Geschäftsmodelle. Wie groß das Potenzial ist, liegt auf der Hand. Der Bedarf an technischer Unterstützung steigt mit der demographischen Entwicklung. Der schwierige Weg ist, einfach über den Tellerrand hinauszuschauen und daraus Schlüsse für die eigenen Geschäftsmodelle zu ziehen. Für die Sicherheitstechnik ist der Markt näher als teilweise beim Elektrohandwerk. Das Elektrohandwerk sieht schwerpunktmäßig Gebäudeautomation in Verbindung mit KNX-Anwendungen. Das Sicherheitsfachgeschäft kann schneller und einfach agieren. Alarmtechnik ist AAL-Systemen technisch ähnlich, es ist aber nur eine andere Nutzung. Sensorik wie Bewegungsmelder, Radarmelder in Anbindung an intelligente Schlösser oder ähnliches sind vom Aufbau durchaus ähnlich, nur die nachgelagerten Prozesse sind abweichend. Die Systemsicherheit ist in beiden Fällen zwingend. Was liegt also näher, als hier branchenübergreifend zu denken. Es laufen beispielsweise einige bundesgeförderte Projekte im Bereich AAL, die auf wissenschaftlicher Basis umgesetzt durchgeführt werden. Jeder etablierte Sicherheitsfachbetrieb hätte hier aufgrund seiner Erfahrungen im Geschäftsalltag oftmals Lösungen kreieren können. Das zeigt leider, wie unbekannt die Möglichkeiten der Branchen teilweise sind.