Die Kampagnen der letzten Jahre zum Schutz von Haus und Wohnung hatten Erfolg, denn die Zahl der Einbrüche sinkt kontinuierlich. Dafür nehmen gefühlt andere Delikte zu. Doch wie wirken sich die rückläufigen Einbruchzahlen auf unser Verhalten aus? Werden wir nachlässig, weil wir uns in Sicherheit wiegen? Die Redaktion Schloss- und Beschlagmarkt wollte es genau wissen und fragte beim Polizeipräsidium Köln nach. Ralf Trippe, Erster Kriminalhauptkommissar und Leiter KK Kriminalprävention/Opferschutz, stand uns Rede und Antwort.
Ist das Aufhebeln von Fenstern und Türen – hier primär Terrassen- oder Balkontüren – noch vorherrschend und falls ja, welchen Anteil haben diese Methoden bezogen auf die Gesamtheit der Einbrüche und Einbruchversuche?
Ralf Trippe: Der Modus Operandi, wie zum Beispiel das Aufhebeln von Fenstern und Türen, das Einschlagen von Fenstern oder das Zylinderpicking wird in der polizeilichen Kriminalstatistik nicht gesondert erfasst. Zahlen hierzu können daher leider nicht genannt werden. Unter Verweis auf die aktuelle Version der Kölner Studie sowie aus der kriminalpolizeilichen Erfahrung der für Wohnungseinbruch und die Kriminalprävention zuständigen Kommissariate dürfte die Tatvariante des Aufhebelns aber weiterhin vorherrschend sein.
Sind neue Tätervorgehensweisen, zum Beispiel intelligente Methoden (Zylinderpicking oder Manipulation von elektronischen Türschlössern) zunehmend? Und falls ja, wo werden die Vorgehensweisen überwiegend angewendet (beispielsweise im privaten Bereich, in Büro-, Gewerbe- oder Industriegebäuden)?
Trippe: Zylinderpicking spielt keine nachweisbare Rolle. Fälle, in denen der Zugang anfänglich ungeklärt ist, werden im Nachgang häufig als „nicht abgeschlossene Tür“ ermittelt. Die Nutzung von Türfallengleitern (sogenannte Flipper) ist hier deutlich wahrscheinlicher. Ähnliches gilt für Manipulation elektronischer Türschlösser.
Mitunter stellen die Ermittlerinnen und Ermittler an Tatorten fest, dass außenliegende Videokameras abgerissen oder verdreht werden, sofern sie im erreichbaren Bereich liegen.
Es wird daher im Rahmen der Einbruchschutzberatungen empfohlen, außenliegende Kameraüberwachungen so anzubringen, dass sie nicht ohne weitere Hilfsmittel angegangen werden können. Statistische Auswertungen zur Anzahl entsprechender Taten liegen auch hier nicht vor.
Einbrecher nutzen erfahrungsgemäß – so auch in der Kölner Studie benannt – günstige Tatgelegenheiten zur Tatausführung. Hierzu zählen zum Beispiel offene oder gekippte Türen oder Fenster oder Wohnbereiche, in denen die Bewohnenden nicht anwesend sind. Sie führen regelmäßig Werkzeug mit, das sich leicht in der Kleidung oder einem Rucksack verstauen lässt, beispielsweise Schraubendreher oder ähnliche Hebelwerkzeuge. Nach polizeilicher Erfahrung können Täter vor der Tatausführung oft nicht abschätzen, welche Art von Schloss sie erwartet und welches Spezialwerkzeug genutzt werden könnte. Entsprechende Geräte erfordern Spezialwissen, wie etwa Hacking-Kenntnisse. Technische Manipulationen an elektronischen Schlössern einschließlich Smart-Home-Schlössern dürften rein technisch möglich sein. In der Praxis bedeuten sie für Einbrecher jedoch einen erhöhten Aufwand mitzuführender Tatmittel und insbesondere einen höheren Zeitaufwand beim Versuch des Eindringens. Dieser Zeitaufwand erhöht in der Regel jedoch die Gefahr der Tatentdeckung noch während der Tatausführung und wird aus diesem Grund regelmäßig gemieden.
In der Einbruchschutzberatung der Polizei Köln werden daher mechanische Sicherungen empfohlen, die genau diese Zeitspanne für ein Eindringen verlängern. Elektronische Sicherungen können diesen mechanischen Schutz ergänzen.
Gibt es eine Erkenntnis darüber, das elektronische Türschlossantriebe ähnlich wie Keyless Go manipuliert werden?
Trippe: Straftaten, bei denen ein Nachweis der technischen Manipulation von elektronischen Schlössern erbracht werden konnte, sind weder beim für Wohnungseinbruch noch dem für Kriminalprävention/Opferschutz zuständigen Kommissariat in Köln in den vergangenen zwei Jahren bekannt geworden.
Wird eigentlich weiterhin hauptsächlich tagsüber eingebrochen und gibt es einen zeitlichen Schwerpunkt bei Einbrüchen – zum Beispiel Sommer oder Winter (dunkle Jahreszeit)?
Trippe: Statistische Daten hierzu aus 2021 und den Vorjahren finden sich auf unserer Internetseite . Dabei wird auf die entsprechenden Veröffentlichungen vom Polizeipräsidium Köln oder anderen Behörden (zum Beispiel dem Bundeskriminalamt) verwiesen. Aus diesen Daten ergibt sich ein Rückgang der Einbruchszahlen in Wohnungen seit 2015. Schwerpunkte sind insbesondere die Tageszeiten zwischen 16.00 und 20.00 Uhr und im Jahresverlauf betrachtet die Herbst- und Wintermonate, also die sogenannte „Dunkle Jahreszeit“.
Inwieweit haben sich Corona und Home-Office auf die Einbruchzahlen ausgewirkt?
Trippe: Im Raum Köln ist ein Anstieg der Fallzahlen im Jahr 2022 gegenüber 2021 zu erwarten. Diese Einbruchszahlen liegen jedoch voraussichtlich weiterhin unter den Einbruchszahlen von 2019 – also der Zeit vor der Corona-Pandemie.
Können Sie etwas zur Einbruchsentwicklung im 1. Halbjahr 2022 im Raum Köln sagen?
Trippe: Der Rückgang der Fallzahlen könnte auch durch die Corona-Schutzmaßnahmen wie Reisebeschränkungen, Grenzkontrollen/-schließungen und/oder das vermehrte Homeoffice begünstigt worden sein. Die Zahlen sind jedoch bereits deutlich vor den Pandemiemaßnahmen zurückgegangen. Dies ist mitunter auch auf präventive und repressive polizeiliche Bekämpfungsmaßnahmen zurückzuführen, aber auch die Ausrüstung von Wohnungen und Häusern mit verbesserter Einbruchschutztechnik dürfte insgesamt diesen positiven Trend verursacht haben.
Es gab mal eine Zeit, da sagte man: Alle drei Minuten ein Einbruch in Deutschland. Sind wir heute bei sieben, zehn oder vielleicht sogar 15 Minuten?
Trippe: 2019 wurde laut Statistik insgesamt 87.145 Mal in Wohnungen eingebrochen. Im Jahre 2021 gab es 54.236 Einbrüche. Daraus ergibt sich, dass 2019 etwa alle sechs Minuten und 2021 alle knapp zehn Minuten ein Einbruch verübt wurde.
Gibt es in Kürze eine Neuauflage der Kölner „Studie“?
Trippe: Eine Neuauflage der Kölner Studie ist geplant. Ein Datum der Veröffentlichung ist aktuell nicht festlegbar.
Haben Sie durch ihre Beratungstätigkeit einen Eindruck davon, wie viele Bürger/Haushalte ausreichend durch Sicherungsmaßnahmen geschützt sind?
Trippe: Eine Einbruchschutzberatung erfolgt immer auf Anfrage von interessierten Bürgerinnen und Bürgern oder im Rahmen von öffentlichen Veranstaltungen/Aktionen. Das lässt jedoch keinen Rückschluss auf Art und Umfang umgesetzter Einbruchschutzmaßnahmen der Häuser und Wohnungen im Zuständigkeitsbereich der Polizei Köln zu.
