Der deutsche Export von Baubeschlägen jenseits des Ärmelkanals hat in den letzten zehn Jahren von 84 Millionen Euro in 2009 auf 105 Millionen Euro in 2019 zunehmen können, seit 2014 sogar stetig.
Der deutsche Export von Baubeschlägen jenseits des Ärmelkanals hat in den letzten zehn Jahren von 84 Millionen Euro in 2009 auf 105 Millionen Euro in 2019 zunehmen können, seit 2014 sogar stetig. (Quelle: FVSB)

Beschlag- und Sicherheitstechnik 2021-01-10T23:00:00Z Hart oder Weich?

Die Auswirkungen des Brexits

Der bisherige Erholungskurs der britischen Wirtschaft dürfte durch die jüngst beschlossenen Pandemie-Beschränkungen gestoppt werden. Zum 31. Januar 2020 haben die Briten die EU verlassen, aber viele Unternehmen sind nicht ausreichend auf das Ende der Übergangsphase vorbereitet. Wie hart oder weich der Brexit für die Wirtschaft zukünftig ausfallen wird, kann derzeit – drei Wochen vor Jahresende – niemand abschätzen. Holger Koch, stellvertretender Geschäftsführer des Fachverbandes Schloss- und Beschlagindustrie (FVSB), blickt für den Schloss + Beschlagmarkt über den Ärmelkanal.

Das Corona-Virus hat das Vereinigte Königreich während der ersten Welle im europäischen Vergleich erst spät, dafür aber umso heftiger erreicht. Das britische BIP brach im 2. Quartal 2020 um knapp ein Fünftel ein: historisch und mit Blick auf andere Industriestaaten einzigartig. Der Erholungskurs verlor in den Sommermonaten an Fahrt und für das Gesamtjahr wird ein Rückgang um zehn Prozent erwartet – ohne Berücksichtigung der jüngsten Entwicklungen. Umfangreiche Förderpakete der Regierung unter Premier Boris Johnson führten bereits im Sommer zu einer enormen Neuverschuldung, höher als während der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09. Die Staatsschuldenquote überschritt die 100-Prozent-Marke, der Handlungsspielraum schrumpft. Die Voraussetzungen für eine schnelle wirtschaftliche Erholung sind eher mäßig, mit einem Erreichen des Vorkrisenniveaus wird daher frühestens 2023 gerechnet.

Infrastrukturprojekte stützen die Bauwirtschaft

Anders als in Deutschland, ist jenseits des Kanals die Bauindustrie parallel zur Gesamtwirtschaft massiv eingebrochen. Nach jüngsten Prognosen des Euro-Construct-Netzwerkes sackt das Bauvolumen 2020 um ein Fünftel auf 182 Milliarden Euro ab, die Sommerprognosen waren noch pessimistischer. Dieser in Europa einmalige Einbruch wird durch den geringeren Rückgang im Tiefbau (-5,5 Prozent) abgemildert, der von öffentlichen Ausgaben für zahlreiche Infrastrukturprojekte profitiert. Im Hochbau wird sogar ein Minus von 22,4 Prozent erwartet, wobei sich Neubau und Renovierungsbau kaum unterscheiden. Die prognostizierten Anstiege in den Folgejahren wirken imposant, werden aber nicht ausreichen. Selbst 2023 wird das Hochbauvolumen mit 187 Milliarden Euro den Wert von 2019 noch knapp verfehlen. Nachdem der Wohnbau sieben Jahre in Folge zulegen konnte, liegt die Messlatte aber auch dementsprechend hoch.

Der Wohnungsneubau wird nach den stärksten Einbrüchen in den nächsten drei Jahren auch die größte Erholung aufweisen. Erste Anzeichen sind bereits wieder steigende Immobilienpreise sowie eine Zunahme von neuen Hypothekendarlehen. Die Zahl der Fertigstellungen von Eigenheimen wird 2021 wieder über zwanzig Prozent auf rund 135 000 Wohnungen steigen und sich dann knapp darüber stabilisieren, eine Lücke gegenüber früheren Jahren wird jedoch bleiben.

Anders im Geschossbau: Trotz der Ausschläge 2019 nach oben und 2020 nach unten, stabilisiert sich in den nächsten Jahren der Seitwärtstrend bei rund 40 000 Fertigstellungen. Der Renovierungsbereich beträgt rund vierzig Prozent des Wohnbaus und wird ebenfalls wieder wachsen, der Dynamik im Neubau aber kurzfristig nicht folgen können.

2023 werden dann für 68 Millionen Briten fast 30 Millionen Wohnungen zur Verfügung stehen. Die Eigentumsquote wird 61 Prozent betragen und damit nahe am europäischen Mittel von 66 Prozent liegen. Die Schweiz (38 Prozent) und Deutschland (45 Prozent) bilden traditionell die Schlusslichter im Ranking.

Segmentverschiebung im Nichtwohnbau

Im Nichtwohnhochbau konnte das Bauvolumen 2019 nach Rückgängen im Vorjahr wieder leicht gesteigert werden und erreichte 87,6 Milliarden Euro (+1,7 Prozent), wobei sich Neubau und Renovierung vergleichbar entwickelten. Auch in den nächsten Jahren werden die Unterschiede dieser beiden Sub-Sektoren geringer ausfallen als im Wohnbau. Die Ungewissheit und Investitionszurückhaltung durch den Brexit führten bereits in den Jahren 2018 und 2019 zu sinkender Bautätigkeit bei Industrie- und Bürogebäuden. Diese Ungewissheit ist es aber auch, die im gleichen Zeitraum den Bau von Lagergebäuden boomen ließ. Die Zuwachsraten lagen bei +29 beziehungsweise +23 Prozent, der Absturz fällt 2020 unterdurchschnittlich aus, die prognostizierten Steigerungen für 2021 überdurchschnittlich, was auch die zu erwartenden Probleme beim zukünftigen Warenaustausch mit der EU widerspiegelt.

Insgesamt sind die Wachstumschancen in den nächsten drei Jahren im Gewerbebau geringer als im Wohnbau. Für Industriegebäude sind die Prognosen des letzten Sommers sogar noch weiter nach unten revidiert worden. Außer bei den auch weiterhin stark nachgefragten Lagergebäuden sehen die Euro-Construct-Experten lediglich in den kleineren Bausegmenten für die Landwirtschaft und das Gesundheitswesen, dass die Volumina bereits 2021 das Vorkrisenniveau überschreiten. Bei allen anderen Gebäudetypen wird trotz jährlicher Zuwächse auch 2023 noch eine Lücke erwartet.

EU bleibt wichtigster Handelspartner

Das Vereinigte Königreich ist als G7-Staat intensiv am weltweiten Warenaustausch beteiligt, hat aber seit Jahren ein Außenhandelsdefizit, das meist um die 200 Milliarden US-Dollar schwankt. Die Gesamtimporte betrugen 2019 rund 693 Milliarden US-Dollar, 12,4 Prozent stammten davon aus Deutschland. Dahinter folgten als Lieferländer die USA (9,7 Prozent), China (9,5 Prozent), die Niederlande, Frankreich und Belgien. Insgesamt exportieren die EU-Staaten Waren für rund 320 Milliarden Euro auf die Insel, ein seit Jahren recht konstanter Wert. Die USA sind der wichtigste Exportmarkt der Briten, gefolgt von den EU-Staaten Deutschland, Frankreich und den Niederlanden.

Nach Angaben von Eurostat importierte das Vereinigte Königreich 2019 Schlösser und Beschläge für rund 1,7 Milliarden Euro. Hauptherkunftsland war China (561 Millionen Euro, plus sechs Prozent). Deutschland schafft es als einziges EU-Land in die Liste der Top-5-Lieferländer, die von den USA, Indien und Taiwan komplettiert wird. Nennenswerte Anteile werden auch aus Österreich, Italien, Tschechien und Spanien bezogen. Lieferanten aus Polen konnten in den vergangenen Jahren zwar die höchsten Steigerungen erzielen, haben wertmäßig aber noch nicht zu den Niederlanden und Frankreich aufgeschlossen.

Der deutsche Export von Baubeschlägen jenseits des Ärmelkanals hat in den letzten zehn Jahren von 84 Millionen Euro in 2009 auf 105 Millionen Euro in 2019 zunehmen können, seit 2014 sogar stetig. Der von der ganzen Brexit-Diskussion anscheinend ungebremste Exportanstieg findet erst 2020 ein jähes Ende. In den ersten acht Monaten brachen die deutschen Baubeschlagexporte um knapp dreißig Prozent ein, soviel wie in kein anderes Land mit nennenswerten Handelsvolumina.

Die wichtigsten Einzelpositionen im Baubereich lagen 2019 alle sehr nah beisammen und waren Bänder und Scharniere (15,8 Millionen Euro), Fensterbeschläge (15,4 Millionen Euro), Zylinderschlösser (14,9 Millionen Euro) und Türschließer mit 14,2 Millionen Euro. Türbeschläge, Schließzylinder und sonstige Türschlösser folgten mit jeweils gut zehn Millionen Euro dahinter.

Die Corona-bedingten Nachfrageausfälle aus dem Vereinigten Königreich erreichten im April und Mai ihren Höhepunkt, manche Warengruppen halbierten sich. Auch wenn seit Juni eine Erholung zu beobachten ist und in einzelnen Warengruppen im August die Vorjahreswerte wieder erreicht worden sind, bleibt eine enorme Exportlücke, zumal die Zahlen des 4. Quartals sich mit Blick auf die zweite Infektionswelle wieder verschlechtern dürften. Die bislang bis August 2019 vorliegenden Außenhandelszahlen sind jedoch ernüchternd genug: die Schloss- und Beschlagexporte nach UK lagen im Baubereich 28 Prozent unter dem Vorjahreszeitraum, im Kfz-Bereich 37 Prozent und im Möbelbereich sogar 40 Prozent. Automotive-Zulieferer werden damit das fünfte Jahr in Folge Exportrückgänge verzeichnen, Möbelzulieferer das dritte.

Inwieweit ein ungeregelter Brexit und die damit zu erwartende Lieferverzögerungen zu gesteigerten „Vorratsbestellungen“ durch Verarbeiter oder Händler führen werden, bleibt reine Spekulation. Aber vielleicht gibt es ja doch ein Handelsabkommen, wenn Sie diese Zeilen lesen.

zuletzt editiert am 08. Januar 2021
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